Nicht nur in der Politik, auch in der Finanzwelt sollte über schiefe und irreführende Begriffe diskutiert werden, fordert Thomas Wüst, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Valorinvest. Er weist darauf hin, dass Wörter einen bestimmten Deutungsrahmen vorgeben. Als Beispiel nennt Wüst die Ausdrücke "Schrottanleihe", "Ramschanleihe" oder "Junk Bond" für Festverzinsliche ohne Investment-Grade-Rating. "Das Urteil, das man automatisch mit einer solchen Einordnung verbindet, ist vernichtend", sagt der Anlageprofi. Nur wegen einer Verschlechterung im Rating gehört Schuldpapaier aber nicht automatisch in den Müll.

Als weiteres Beispiel für sogenanntes "Financial Framing" führt Wüst das von der Börse Düsseldorf gekürte Börsenunwort des Jahres 2016 an: "Anlagenotstand". Als Notstand bezeichnet man etwa die Lage nach einer Naturkatastrophe. "Ein 'Anlagenotstand' suggeriert eine Krise, die es in diesem Ausmaß an den Finanzmärkten nie geben kann", sagt der Vermögensverwalter. "Die Verwendung dieses Begriffs beinhaltet also die Gefahr, dass Anleger denken, sie müssten nun etwas Besonderes tun, um sich vor einer Krise zu schützen." Das birgt wiederum das Risiko falscher oder übereilter Anlageentscheidungen.

Deutungsmuster erkennen, Pauschalurteile vermeiden
Finanzprofis sollten sorgfältiger mit Sprache umgehen, mahnt Wüst: "Differenzierung ist angesagt." Begriffe wie Ramschanleihe und Anlagenotstand verführen Anleger zu Pauschalurteilen, die der Sache nicht gerecht werden, befürchtet der Vermögensverwalter. "Anleger tun gut daran, darauf zu achten, welche Deutungsmuster durch die Verwendung solcher Begriffe im Gehirn geweckt werden." Mehr Sensibilität für die Wirkung von Sprachbildern auf das Denken und mehr sprachliche Sorgfalt auch in der Finanzwelt wären angebracht. (fp)