Glaubt man den geläufigen Börsen-Faustregeln, unterliegt das Anlagejahr einer strikten Saisonalität: Nach der Jahresendrally folgt der starke Jahresauftakt, bis es dann heißt: "Sell in may and go away." Nach solch saisonalen Weisheiten zu investieren, funktioniert zu einem gewissen Grad tatsächlich, sagt Uwe Zimmer, Chef der Kölner Vermögensverwaltung Fundamental Capital. So werden etwa zu Jahresbeginn oft die zum Jahreswechsel fälligen Ausschüttungen wieder angelegt. "Das ist eine echte Nachfrage, die natürlich die Kurse bewegen kann", sagt der Vermögensprofi. Er warnt aber auch: "Die Gründe für Saisonalitäten schwinden immer mehr."

Informationen sind heute fast immer und fast überall verfügbar. Auch die Globalisierung lässt kalenderbedingten Unterschiede zusammenschrumpfen, analysiert Zimmer. "Schwankungen werden sich immer weiter einebnen, weil die fundamentalen Gründe dafür verschwinden oder sich im weltweiten Zusammenspiel der Kräfte eher ausgleichen als hochschaukeln", sagt er. "Für Anleger heißt das, dass liebgewonnene Börsenweisheiten wie 'Sell in may' irgendwann endgültig ihre Berechtigung verloren haben."

Saison-Produkte nur noch für Tollkühne
Das Schwinden der Saisonalität könnte auch die Produktwelt verändern. Es gibt diverse Anlageprodukte, die aus saisonbedingten Bewegungen eine Überrendite erwirtschaften wollen. Ihre Anbieter und Manager glauben, ein Muster in den übers Jahr verteilten Schwankungen gefunden zu haben, sagt Zimmer. "Sie gehen davon aus, dass diese Schwankungen der Ur-Takt der Börse sind, das tiefe Luftholen vor dem Sprung – und das pfeifende Ausatmen, wenn dann wieder alles vorbei ist. Das anzunehmen war schon immer zumindest mutig, angesichts der Veränderungen ist es für die Zukunft fast tollkühn." (fp)