Erstmals seit mehr als zehn Jahren hat die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins wieder gesenkt, und zwar um genau 0,25 Prozentpunkte. Er befindet sich damit in einer Spanne von 2,00 bis 2,25 Prozent, teilte Notenbankchef Jerome Powell laut Medienberichten am Mittwoch (31. Juli) mit. Zudem werde die Fed den Verkauf von Anleihen zwei Monate früher aussetzen als zunächst geplant. Bereits im August wollen die Experten um Powell ihr Anleiheprogramm drosseln.

Normalerweise jubeln die Finanzmärkte bei der Aussicht auf fallende Zinsen. Diesmal aber ist vor allem Frust zu hören. "Powell hat uns wieder hängen gelassen", teilte US-Präsident Donald Trump über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Er hatte im Vorfeld einen deutlicheren Schritt nach unten gefordert. Zudem dürfte Trump der Ausblick nicht gefallen haben, den der Fed-Chef auf der Notenbanksitzung den Finanzmärkten mitgab: "Es ist nicht der Beginn einer langen Serie von Zinssenkungen", sagte Powell klipp und klar. Genau das war aber erwartet respektive erhofft worden.

Entsprechend zeigten auch die Börsen in ihren ersten Reaktionen sehr deutlich, was sie von dem Fed-Entscheid halten: wenig bis fast nichts. Der US-Aktienindex Dow Jones sackte nach Verkündung der Nachricht kräftig ab, er schloss den Tag mit 1,2 Prozent im Minus – der größte Verlust seit Mai diesen Jahres. Der US-Dollar verteuerte sich deutlich, der Euro rutschte unter die Marke von 1,11 US-Dollar und notiert damit derzeit auf dem tiefsten Stand seit 2017, berichtet die "Welt". "Die Kehrtwende der US-Notenbank lief alles andere als glatt über die Bühne, aber sie haben sie hinbekommen", meint Nach Ansicht des Leiters für US-Aktien bei Lazard AM müsse sich die Fed mehr um die Erhöhung der Inflation als um deren Eindämmung kümmern und sich darauf konzentrieren, die Vorteile für den Arbeitsmarkt zu realisieren, die eine Wirtschaft mit sich bringt, die unter hohem Druck steht.

Viel Lärm um nichts
Als Grund für die moderate Zinssenkung nannte Powell die sich abkühlende Konjunktur wichtiger ausländischer Handelsprtner. "Wir wollen die US-Wirtschaft definitiv gegen diese Abwärtsrisiken absichern", sagte Powell bei der Pressekonferenz. Ob die Notenbank dieses Ziel erreichen wird, ist unter Experten umstritten. "Powell hat keine konkreten Zusagen für zukünftige Zinssenkungen getätigt. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass der heutige Zinsschritt ausreichen wird, um die Ziele der Fed in Bezug auf Inflation und konjunkturelle Unterstützung zu erreichen", sagt Nathan Sheets, Chefökonom beim Fondshaus PGIM.

Für Christian Scherrmann, Volkswirt bei der DWS, ist der Fed-Entscheid viel Lärm um nichts. Die Notenbank habe mit der Senkung des Leitzins den Erwartungen vollumfänglich entsprochen, "das war’s aber dann auch schon fast an kommentierungswerten Neuigkeiten", sagt der Ökonom. In der Pressekonferenz sei letztendlich für jeden etwas dabei gewesen: "Powell war redlich bemüht, sich ebenso gegen Kritik zu wehren, die Fed wäre nicht unabhängig, als auch den Märkten zu vermitteln, dass eine weitere Lockerung maßvoll und garantiert nicht garantiert ist."

Einige sehen gar die Unabhängigkeit der Notenbank in Gefahr. "Die Fed sollte nicht nur auf die Entwicklungen an den Finanzmärkten reagieren – und das ist genau das, was sie im vergangenen Jahr getan hat", meint James McCann. Mit ihrer jetzigen Zinssenkung habeman gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. "Powell wird hart daran arbeiten müssen, die Finanzmärkte davon zu überzeugen, dass er nicht bei den geringsten Anzeichen von Volatilität die Zinsen senken wird. Die Fed hat nur auf die Wirtschaftsdaten zu reagieren und nichts weiter", schlussfolgert der Senior Economist bei Aberdeen Standard Investments. (fp)