In den vergangenen Monaten mussten Investoren viele Enttäuschungen hinnehmen: Die Weltwirtschaft ist nicht auf einen selbsttragenden Aufschwung eingeschwenkt, der Handelsstreit hat sich nicht beruhigt und der geopolitische Ausnahmezustand dauert an. Dass sich die Kapitalmärkte trotz allem erfreulich entwickelt haben, ist nach Einschätzung von Union-Investment-Vorstand Jens Wilhelm vor allem den Zentralbanken zu verdanken. "Die Notenbanken haben klar signalisiert, dass ihr Fokus auf dem Wachstum und weniger auf der Inflation liegt", sagt Wilhelm. Das sei am Markt mittlerweile auch so eingepreist.

Wie es an den Kapitalmärkten weiter geht, wird maßgeblich davon abhängen, ob die Notenbanken ihrer neuen Linie treu bleiben. "Kommen die Währungshüter der Erwartungshaltung nach und bricht die Konjunktur nicht ein, werden zumindest die Aktienkurse weiter gestützt", erklärt Wilhelm. Sollten die Notenbanken aber wieder umschwenken und den Geldhahn zudrehen, besteht nach Einschätzung des Experten Rückschlagpotential.

Handelsstreit birgt viel Sprengkraft
Wilhelm ist allerdings zuversichtlich, dass die Währungshüter die eingepreisten Zinsschritte auch tatsächlich durchführen. "Die US-Notenbank Fed wird bis September die Zinsen um 50 Basispunkte senken", prognostiziert der Anlagestratege. Auch die Europäische Zentralbank dürfte den gesamten Zinskorridor bis dahin um zehn Basispunkte senken. Wichtigster Treiber ist die nach wie vor angespannte Situation an den globalen Märkten.

Vor allem der Handelsstreit zwischen den USA und China birgt laut Wilhelm viel Sprengkraft. "Hinter dem Handelsstreit steht der hegemoniale Konflikt zwischen zwei Supermächten. Es geht um weit mehr als Zölle", erläutert der Union-Investment-Vorstand. Eine Eskalation des Konflikts sei nicht auszuschließen. (fp)