Lange Zeit war Verschwiegenheit die oberste Leitlinie der Europäischen Zentralbank (EZB) – sehr zum Leidwesen vieler Anleger. Mittlerweile setzt Notenbankchef Mario Draghi allerdings verstärkt auf offene und transparente Kommunikation und erzeugt damit ein Umfeld geprägt von Stabilität, Kontinuität und Berechenbarkeit. "Die EZB fährt auf Autopilot und folgt damit der US-amerikanischen Federal Reserve, die ebenfalls wie auf Schienen unterwegs ist", sagt Christian Kopf, Leiter Portfoliomanagement Renten bei Union Investment. 

Für die EZB bedeutet das konkret: eine Halbierung der Anleihekäufe auf monatlich 15 Milliarden Euro ab Oktober und ein Ende des Programms pünktlich zu Silvester. Die Leitzinsen sollen, wie die EZB im Juli verkündete, "mindestens über den Sommer 2019 hinaus" auf dem aktuellen Niveau bleiben. Die neue Verlässlichkeit kommt allerdings nicht von ungefähr. "Dass Draghi, der auf die Zielgerade seiner Amtszeit einbiegt, keinen akuten Handlungsbedarf sieht, liegt auch an der guten Entwicklung im Euroraum", sagt Kopf. Wirtschaftlich ist die Währungsunion auf einem langsamen, aber stetigen Pfad der Erholung. Von der Inflation bekommt Draghi ebenfalls keinen Druck. 

Druck auf Anleihe-Kurse nimmt zu
Für das Gesamtjahr 2018 rechnet der Anlageprofi mit einer Teuerung von 1,7 Prozent. Hektische Zinserhöhungen hält er für nahezu ausgeschlossen. "Erst im September 2019 dürfte ganz behutsam am Einlagensatz gedreht werden", sagt Kopf. Entspannt zurücklehnen sollten sich Anleger bis dahin aber nicht. "Bei europäischen Unternehmensanleihen liegt mit Blick auf die Spreads die Talsohle hinter uns", sagt der Anlageexperte. Der Druck auf die Kurse nimmt zu. Das gilt auch für Staatsanleihen, wo der Renditepfad wieder nach oben zeigt. "Bis zum Juni 2019 rechnen wir mit einer Verzinsung im Zehnjahresbereich von 0,9 Prozent", sagt Kopf. Verglichen mit den knapp drei Prozent in den USA ist das zwar nicht viel, aber immerhin eine Verdreifachung des aktuellen Niveaus. (fp)