Seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 hat sich viel getan. "Auf nahezu allen Ebenen wurden erhebliche Fortschritte erzielt", schreibt Jens Wilhelm, Vorstandsmitglied bei Union Investment, in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Die Bankenregulierung wurde verschärft, die Kapitalpolster der Geldhäuser erhöht. Zudem interpretieren die Notenbanken ihre Rolle seit der Finanzkrise anders. "So wurde der Auftrag der Europäischen Zentralbank um die Bankenaufsicht und die makroprudentielle Überwachung, also die Ermittlung von Risiken für das Finanzsystem als Gesamtheit, erweitert", erklärt Wilhelm.

Doch nicht alle Probleme sind bereits gelöst. Als Beispiel nennt Wilhelm die Verschuldung: Zwar ist die Kreditlast bei US-Verbrauchern deutlich gesunken, auch viele Staaten haben ihre Haushalte konsolidiert. "Global betrachtet ist die Gesamtverschuldung allerdings nicht zurückgegangen, sondern auf 247 Billionen Dollar gestiegen", warnt Wilhelm. Besonders stark betroffen sind Unternehmen in den Vereinigten Staaten sowie der gesamte private Sektor in China. Steigen die Fremdkapitalkosten, könnten schwache, durch günstiges Geld am Leben erhaltene Unternehmen an ihre Grenzen stoßen.

Keine zweite Krise – aber ein Alarmsignal
Auch bei Unternehmensanleihen ist Vorsicht geboten. "Durch regulatorische Eingriffe ist der Eigenhandel der Banken teuer und damit geschäftspolitisch uninteressant geworden", so Wilhelm. Die Folge: In Stressphasen können Broker am Rentenmarkt kaum noch Liquidität bereitstellen. Im Krisenfall hätte das weitreichende Folgen für die Stabilität des Finanzsystems. "Wollen nämlich viele Investoren ihre Bestände gleichzeitig abbauen, fällt die Gegenseite weitgehend aus", erklärt der Branchenkenner. Zwar droht akut kein Krisenszenario wie im Jahr 2008. Dafür ist das Bankensystem zu stabil, die Aufsicht zu aufmerksam und die Zahl der Problemfälle zu gering. Für ein kräftiges Durchrütteln der Kapitalmärkte sind die Unsicherheitsfaktoren aber allemal gut. (fp)