Gleich fünf Ökonomen der EZB warnen in einem gemeinsam verfassten Blogbeitrag der Zentralbank einhellig vor einer bevorstehenden Korrektur bei US-Technologieaktien. In ihrem Beitrag erläutern sie, warum auch bei als rational angenommenen aktuellen Bewertungen mit einer Korrektur zu rechnen sei, warum dies nicht nur für unmittelbar investierte Aktionäre von Bedeutung sei, die den direkten Schlag abbekommen würden, und was dies konkret für den Euroraum bedeuten könnte.

Die EZB-Spezialisten sind natürlich keineswegs die ersten, die vor einer solchen Korrektur warnen. Zudem handelt es sich nicht etwa um einen EZB-Ratsbeschluss, eine geldpolitische Projektion oder eine formale Warnung der Institution selbst. Außerdem trägt der Beitrag den üblichen Vorbehalt, dass er nicht notwendigerweise die Auffassung der EZB vertrete. Von daher könnte man sagen, dass es für die EZB völlig normal und sogar Teil ihres Finanzstabilitätsmandats ist, wenn ihre Ökonomen Risiken analysieren, die außerhalb des Euroraums entstehen, aber im Euroraum Wirkung entfalten können.

Mögliche Zweitrundeneffekte
Bei US-Techaktien liegt der Übertragungskanal zudem besonders nahe. Laut dem Bericht sollen Haushalte im Euroraum mit rund 440 Milliarden Euro in den sogenannten "Magnificent Seven" exponiert sein. Ähnlich hoch sei die Größenordnung bei Versicherern und Pensionsfonds. Zudem würden US- und europäische Aktienmärkte sich historisch stark gemeinsam bewegen, wodurch eine Korrektur an der Wall Street nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt bliebe, so die Analyse. Relevant wären zudem nicht nur Bewertungsverluste, sondern mögliche Zweitrundeneffekte wie ein "Risk-off" an den Kreditmärkten, steigende Finanzierungsprämien, Abflüsse aus Investmentfonds, ein schwächeres Vertrauen sowie Bremswirkungen auf Investitionen und Konsum.

Was den Bericht allerdings ungewöhnlich zugespitzt erscheinen lässt, ist weniger das Thema an sich als das kleine Adjektiv "wahrscheinlich" in seiner wörtlichen Verwendung. Ein Satz wie "eine Korrektur der aktuellen Aktienbewertungen ist wahrscheinlich", geht über die sonst übliche, vorsichtigere Standardformel deutlich hinaus, wonach Marktsegmente "anfällig für eine Korrektur" oder "sehr hoch bewertet" seien oder "vor einer abrupten Neubewertung" stünden.

Eindeutige Analogien
Zumal der Beitrag mit dem Vergleich zu einer ganzen Reihe historischer Technologierevolutionen und der Nähe des Bewertungsmaßstabs US-CAPE zu historischen Höchstständen argumentiert. Wörtlich heißt es: "Die derzeitige Begeisterung rund um die KI hat viele historische Vorläufer. Um nur einige zu nennen: den Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts, die Verbreitung von Elektrizität und Radio in den 1920er Jahren und den Aufschwung des Internets oder die 'Dotcom-Ära' in den 1990er Jahren." In jedem dieser Fälle habe eine wirklich bahnbrechende Technologie Investitionen angezogen, und die Börsenbewertungen der Unternehmen, die diese Technologie einsetzten, seien stark angestiegen, bevor sie wieder drastisch gefallen seien.

Diese Erfahrungen aus der Vergangenheit würden zeigen, dass technologische Revolutionen durchaus das Risiko eines Boom-Bust-Zyklus bei den Vermögenspreisen bergen. Und dieses Risiko hänge nicht davon ab, ob die heutigen Bewertungen nun rational oder irrational seien. Wobei der kleinere, weniger hoch bewertete Technologiesektor im Euroraum das Risiko eines hausgemachten Crashs durchaus begrenze.

Ein Problem auch für Europa
Doch dies biete nur wenig Trost: Privathaushalte, Versicherer und Pensionsfonds seien über globale Indexfonds erheblich exponiert, und Belastungen am US-Aktienmarkt hätten sich in der Vergangenheit auch auf die Aktienmärkte im Euroraum ausgewirkt. Die Auswirkungen einer Korrektur in den USA könnten über die Finanzmärkte hinaus auf die Stimmung im Euroraum, die Finanzierungsbedingungen und die Beschäftigungslage übergreifen. Von daher sind die Autoren überzeugt: Eine Krise im Bereich der künstlichen Intelligenz in den USA würde nicht nur ein Problem der USA bleiben. (hh)