In den vergangenen Jahren haben Schwellenländer nicht nur den US-Zöllen, sondern auch der sukzessiven Auflösung der globalen Wirtschaftsordnung sowie steigenden Spannungen und Konflikten getrotzt. Nun kommt mit dem Iran-Krieg eine weitere Belastungsprobe hinzu. Thomas Christiansen, Leiter Emerging Market Fixed Income bei UBP, glaubt dennoch nicht, dass die aufstrebenden Länder wieder zurückfallen in den früheren Zyklus von steilem Aufstieg und tiefem Fall. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE spricht Christiansen über den strukturellen Wandel und die Aussichten für EM-Anleihen.


Herr Christiansen, in den vergangenen zwei Jahren haben die Schwellenländer positiv überrascht – mit guten Renditen auf Hart- und Lokalwährungsanleihen. Wie lange wird der Schwung anhalten – oder hat sich unter der Oberfläche etwas Grundsätzliches verändert?

Thomas Christiansen: Schwellenländer sind historisch gesehen schneller gewachsen als entwickelte Volkswirtschaften – das starke Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre ist also nichts grundsätzlich Neues. Allerdings waren Schwellenländer früher auch anfälliger für "Boom and Bust"-Zyklen. Hier sehe ich tatsächlich einen strukturellen Wandel. Die Finanzierungsstruktur der Schwellenländer hat sich deutlich verschoben – hin zu inländischen Zentralbanken, die heute besser kapitalisiert sind, sowie zu deutlich tieferen lokalen Pensionssystemen. Das macht die Märkte weniger anfällig für starke Stimmungsschwankungen unter internationalen Investoren. Gleichzeitig hat sich die Steuerung der Fiskal- und Geldpolitik in vielen Schwellenländern verbessert. In der Folge gab es bei den Länder-Ratings in den vergangenen Jahren deutlich mehr Hoch- als Herabstufungen. Allerdings sind die Spreads inzwischen weitgehend fair bewertet – künftige Erträge werden daher zunehmend aus dem laufenden Ertrag ("Carry") stammen.

Die meisten Industriestaaten, gerade bei uns in Europa, tun sich schwer in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft und kämpfen mit schwachem Wachstum und steigenden Defiziten. Wie stellt sich die Lage in den Schwellenländern dar?

Christiansen: Man muss als Investor schon differenzieren, denn es gibt eine gewisse Zweiteilung innerhalb der Gruppe der Schwellenländer. Insgesamt befinden sich Wachstum und Defizite jedoch in einer besseren Verfassung als in weiten Teilen Europas.

Sie sprachen es gerade an: Die Spreads auf Hartwährungsanleihen sind bis zum Ausbruch des Iran-Kriegs deutlich gesunken. Wie viel Potenzial bieten diese Anleihen auf diesem Niveau noch – und woher sollen künftig zusätzliche Erträge kommen?

Christiansen: In der Tat ließen die Spreads vor Ausbruch des Iran-Konflikts kaum noch Spielraum für weitere Einengungen. Seitdem haben wir zwar eine leichte Ausweitung gesehen, insgesamt sind die Bewertungen aber weiterhin nicht besonders günstig. Der laufende Gesamtertrag aus Kursentwicklung und Zinsen liegt derzeit allerdings im hohen einstelligen Bereich und damit über dem Durchschnitt der vergangenen Dekade. Daraus dürfte künftig der Großteil der Renditen bei Hartwährungsanleihen stammen.

Hartwährungsanleihen sind meist in US-Dollar denominiert. Bedeutet das nicht automatisch ein Dollar-Risiko für Investoren? Raten Sie zur Absicherung – zumal die Kosten dafür ja mit der höheren Zinsdifferenz zu den USA gestiegen sind?

Christiansen: Die Absicherung von Dollar-Positionen ist oft eine individuelle Entscheidung, die sich auch nach den Anlagezielen und dem Hintergrund des Investors richtet.

Eine Alternative sind Lokalwährungsanleihen, die zuletzt auf Dollar-Basis gut abgeschnitten haben. Wie beurteilen Sie diese Anlageklasse – insbesondere aus Sicht eines Euro-Investors? Hier ist ja die Entwicklung gegenüber dem Euro entscheidend, nicht gegenüber dem Dollar.

Christiansen: Grundsätzlich halten wir Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern auf längere Sicht weiterhin für attraktiv – und zwar nicht nur wegen der Währungsseite. In unseren spezialisierten EM-Anleiheportfolios setzen wir gezielt auf Engagements in lokalen Zinsmärkten, häufig ohne Währungsabsicherung, insbesondere in ausgewählten Frontier-Märkten. Diese bieten ausgesprochen attraktivste Kombinationen von Ertrag zu Volatilität – ein entscheidendes Kriterium angesichts insgesamt hoher Bewertungen an den Rentenmärkten. Gleichwohl ist angesichts der aktuellen Lage im Iran bei Währungen Vorsicht geboten, da der US-Dollar bei anhaltenden Spannungen weiter aufwerten könnte.

Der US-Dollar hat zuletzt aufgewertet, und der Ölpreis ist gestiegen. Angenommen, der Ölpreis bleibt hoch und das globale Wachstum schwächt sich ab: Sind Schwellenländer dann besonders attraktive Anlageregionen?

Christiansen: Sollte der Ölpreis dauerhaft hoch bleiben, wären die Auswirkungen auf die Schwellenländer sehr unterschiedlich. Unser Anlageuniversum umfasst sowohl große Öl-Exporteure – etwa Nigeria, Angola oder Gabun – als auch bedeutende Importeure. In einem Umfeld dauerhaft hoher Ölpreise würden Exporteure klar profitieren, während Importeure stärker unter Druck geraten. Ähnliches gilt auf Unternehmensebene: Ölproduzenten würden profitieren, während Unternehmen mit hohem Ölverbrauch – etwa Fluggesellschaften – belastet würden. Das gilt es, bei flexiblen Ansätzen zu berücksichtigen. Langfristig ist die Anlagethese aber klar: Schwellenländer haben einen festen Platz im Portfolio.

Vielen Dank für das Gespräch. (jh)