Trump droht, Kanadas Börse jubelt: Was hinter dem Paradoxon steckt
Kanadas Aktien lassen den S&P 500 hinter sich und erreichen trotz neuer Zolldrohungen Rekorde. Strategen sehen ausgerechnet in mehreren Entscheidungen von US-Präsident Donald Trump wichtige Treiber der Rally.
Nur wenige Minuten nach Handelsbeginn in Toronto am Montag (24.8.) kündigte US-Präsident Donald Trump in einem Beitrag in sozialen Medien an, die Zölle auf Kanadas Automobilsektor zu verdoppeln. Anschließend folgte eine Reihe von Beleidigungen gegen das nördliche Nachbarland der USA.
Doch statt einen Ausverkauf auszulösen, floss weiterhin Geld in den kanadischen Aktienmarkt – wie bereits das gesamte Jahr über. Die bemerkenswerte Ironie: Trumps politische Entscheidungen haben dem kanadischen Aktienmarkt sogar dabei geholfen, die USA das zweite Jahr in Folge zu übertreffen.
Zolldrohungen verlieren ihren Schrecken
Der "iShares Core S&P/TSX Capped Composite Index ETF", der größte in Toronto gelistete börsengehandelte Fonds auf kanadische Aktien, verzeichnete am Montag (24.8.) erneut Nettozuflüsse und steuert damit auf den elften Monat in Folge mit positiven Mittelbewegungen zu. Daten der kanadischen Statistikbehörde zeigen zudem in jedem Monat dieses Jahres Nettozuflüsse in kanadische Wertpapiere.
"Diese Dinge haben ihren Schockeffekt irgendwie verloren", sagte Neil Linsdell, Leiter der Anlagestrategie für Kanada bei Raymond James, über Trumps Zolldrohungen. Er hält an seinem Jahresziel von 37.000 Punkten für den S&P/TSX Composite Index fest und erwartet, dass die Zölle nur von kurzer Dauer sein werden. Eine umfassende Eskalation hält er für relativ unwahrscheinlich.
Auch Strategen der Bank of Nova Scotia und von IG Wealth Management rieten Anlegern nach Trumps jüngsten Attacken, "ruhig zu bleiben". Brian Madden, Investmentchef von First Avenue Investment Counsel, erwartet zwar kurzfristige Belastungen für die Anlegerstimmung und handelsabhängige Branchen. Zugleich sieht er aber mehrere Maßnahmen der Trump-Regierung, von denen kanadische Aktien profitieren.
Öl und Gold treiben den TSX
Der Iran-Krieg hat die Ölpreise steigen lassen, was den Energieproduzenten zugutekommt. Sie machen knapp 17 Prozent des S&P/TSX aus. Gleichzeitig hat die Gold-Rally den kanadischen Rohstoffsektor beflügelt, der fast 20 Prozent des Index ausmacht. "Der TSX entwickelt sich nicht trotz der Trump-Politik so gut, sondern wegen der Trump-Politik", sagte Philip Petursson, Chef-Anlagestratege von IG Wealth Management.
Der kanadische Leitindex ist damit auf Kurs, den S&P 500 das zweite Jahr in Folge zu schlagen. In US-Dollar gerechnet hat er 2026 bislang 16 Prozent zugelegt, verglichen mit zwölf Prozent beim US-Index. Der S&P/TSX schloss am Dienstag (25.8.) auf einem weiteren Rekordhoch. Zuletzt hatte er den S&P 500 2009 und 2010 in zwei aufeinanderfolgenden Jahren übertroffen.
Infrastrukturprogramme sorgen für weitere Gewinner
Die bislang beste Aktie im kanadischen Index ist Bird Construction. Der Kurs des Baukonzerns ist in diesem Jahr um 134 Prozent gestiegen und profitiert von Ottawas Reaktion auf Trumps Zolldrohungen.
Premierminister Mark Carney will große Infrastrukturprojekte – darunter neue Minen, Pipelines und Hafenerweiterungen – beschleunigen, um Kanadas Handel stärker von den USA zu diversifizieren. Davon profitieren Bauunternehmen und Händler von Industrieausrüstung wie Finning International. "Diese Dynamik wird anhalten, weil es den Anschein hat, dass wir keinen verlässlichen Handelspartner haben", sagte Laura Lau, Investmentchefin von Brompton.
Anleger werden etwas vorsichtiger
Nach den jüngsten Kursgewinnen nehmen einige Investoren allerdings Gewinne mit. Greg Taylor, Investmentchef bei Pender Fund, hat sich mit Blick auf den traditionell volatileren September defensiver positioniert.
Eine mögliche Schwächephase dürfte seiner Einschätzung nach jedoch nur von kurzer Dauer sein. Bei einem breiteren Marktrückgang und einer Rückkehr kanadischer und amerikanischer Vertreter an den Verhandlungstisch will Taylor wieder investieren. "Wir könnten vor einem ordentlichen Lauf bis zum Jahresende stehen", sagte er.
Auch Madden sieht Potenzial, sobald sich der Zollkonflikt entspannt: "Eine Entspannung bei den Zöllen wird wie ein Zuckerschub wirken, und die Märkte werden durchstarten, sobald wir das hinter uns haben." (mb/Bloomberg)















