Die Weltwirtschaft zeigt sich widerstandsfähiger als vielfach erwartet: Trotz des Konflikts im Mittleren Osten und der damit verbundenen Energiepreisschocks bleibt die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe stabil. Im Gegensatz dazu zeigt sich der private Konsum unter Druck. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sieht in der aktuellen Phase daher ein moderat steigendes Inflationsrisiko, es sei jedoch kein Inflationsschock wie in den Jahren 2021 und 2022 zu befürchten. 

"Die gestiegenen Energiekosten haben den Privathaushalten in den letzten Monaten weniger Luft für den übrigen Konsum gelassen. So hat sich etwa in den USA eine größere Lücke zwischen real verfügbarem Einkommen und realen Verbraucherausgaben aufgetan", erklärt Galler. Diese Kluft sei allerdings nicht gleich verteilt: Vermögendere Haushalte hatten demnach sogar einen starken Vermögenszuwachs erlebt und konsumierten expansiv, während viele ärmere Haushalte kürzertreten mussten. 

Steigende Inflationsrisiken, aber kein Inflationsschock
Die ohnehin schon expansiven Staatsausgaben, die sich durch den Iran-Konflikt nochmals erhöht haben, stützen aus Sicht des Strategen zwar die Wirtschaft, gleichzeitig nehmen die Inflationsrisiken zu. Dennoch hält Galler die Risiken für nicht so groß wie vor einigen Jahren. "Zwar steigen Einkaufsmanagerindizes und Einkaufspreise, doch die Ausgangslage unterscheidet sich vom Inflationsschock der Jahre 2021 und 2022 infolge des Ukraine-Kriegs: Damals waren Arbeitskräfte sehr gefragt, während der Arbeitsmarkt heute eher schwächer wird", so Galler. 

Daraus ergebe sich eine andere Inflationsdynamik – und für die Zentralbanken die Möglichkeit, die Zinsen sehr viel tiefer zu halten. Gerade auch mit Blick auf die EZB sieht er wenig Gründe dafür, dass diese einen zweiten Zinsschritt nach oben gehen könnte. Und so gibt es Galler zufolge trotz des eher verhaltenen privaten Konsums zwar weiterhin Wachstum, aber mit schwächerer Tendenz: In den USA könnte die Wirtschaft bis Ende des Jahres um bis zu zwei Prozent wachsen, in der Eurozone sieht er bis Jahresende Potenzial für ein Prozent Wachstum.

Aktien bleiben attraktiv
Den Aktienmärkten traut Galler in diesem Jahr noch weiteres Potenzial zu. Entscheidend für die Risikogewichtung sei, dass das Gewinnwachstum intakt bleibt: In den USA liegt die Gewinnwachstumserwartung bei 25 Prozent, in den Schwellenländern dank der dortigen Tech-Unternehmen sogar bei 60 Prozent. Insgesamt sind die Kurs-Gewinn-Bewertungen (KGV) inzwischen sowohl in den USA als auch in den Schwellenländern zurückgegangen. "Solange Gewinne steigen, und das auch mehr als zehn Prozent, ist die Chance auf einen Bärenmarkt gering", so der Stratege. 

Chancen sieht Galler im zweiten Halbjahr auch bei Basis- und zyklischen Konsumgütern, ebenso bewertet er den IT-Bereich und den Finanzsektor positiv. In Europa habe bei Konsumtiteln ein gewisses Derating stattgefunden, sodass es hier zu Aufholeffekten kommen könnte. Vor diesem Hintergrund warnt Galler davor, in Cash zu verharren. (fp)