Der Sachverständigenrat rechnet für Deutschland in den kommenden Jahren mit nahezu Nullwachstum. Gleichzeitig investieren die großen US-Tech-Konzerne dreistellige Milliardenbeträge in KI-Infrastruktur. Für Frank Thelen, Gründer und CEO von TEQ Capital, meint: "Das zeigt sehr deutlich, wohin die Reise geht."

Seine Warnung ist klar: "Wenn wir Energie, Genehmigungen und unsere Sondervermögen nicht radikal auf Zukunft ausrichten, verlieren wir im globalen Produktivitätsranking dauerhaft den Anschluss."

0,2 Prozent Wachstum versus 600 Milliarden Dollar KI-Boom
Die Zahlen stehen in einem krassen Gegensatz. Deutschland stagniert – 0,2 Prozent Wachstum für 2025, 0,9 Prozent für 2026. Gleichzeitig läuft in den USA eine historische Investitionswelle in künstliche Intelligenz (KI) und digitale Infrastruktur.

Nach zwei Jahren Rezession steckt Europas größte Volkswirtschaft faktisch in der Stagnation, während Wettbewerber Milliarden investieren. "Deutschland verwaltet den Status quo – andere Länder kaufen sich gerade die Zukunft", mahnt Thelen.

Allein Meta plant, in den kommenden drei Jahren rund 600 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren, Energieinfrastruktur und spezialisierte KI-Technik zu investieren. Auch Microsoft, Alphabet und Amazon erhöhen ihre Programme massiv. Dabei gehe es "nicht um ein paar zusätzliche Serverhallen, sondern um eine weltweite Investitionswelle", die die industrielle Landkarte neu zeichne.

Wirtschaftsweise warnen
Das Jahresgutachten des Sachverständigenrats trägt den Titel "Perspektiven für morgen schaffen – Chancen nicht verspielen". Thelen sieht darin eine deutliche Botschaft: "Tatsächlich aber leistet sich Deutschland den Luxus, genau diese Chancen auszubremsen."

Zu viel Bürokratie, hohe Kosten und Genehmigungsverfahren aus der "analogen Epoche" lähmen den Standort. Rechenzentren seien im Kern große Maschinen, die Strom in Rechenleistung verwandeln. Ihr Erfolg hänge an günstiger Energie und schnellen Entscheidungen – genau daran mangele es hierzulande.

Hohe Energiepreise, langsame Verfahren – und die Folgen
Deutschland kombiniere hohe Energiepreise mit einem dichten Regelwerk und langwierigen Verfahren – ein toxischer Mix für Investitionen. Die Frage sei nicht, ob die Prognosen zu pessimistisch seien, betont Thelen: "Die Frage ist, wie lange wir uns ein solches Politik-Setup überhaupt noch leisten können."

Aus Sicht Thelens droht Deutschland gleich doppelt zurückzufallen:

1. Rückstand bei der Infrastruktur: Wichtige KI- und Chipinfrastruktur entsteht dort, wo Energie günstig und Genehmigungsverfahren schnell sind. Deutschland droht, "von der Entwicklungs- zur reinen Anwendernation zu werden".

2. Rückstand bei der Produktivität: Künstliche Intelligenz und Automatisierung erhöhen die Leistung pro Arbeitsstunde – und damit langfristig auch die Löhne. Doch wenn der Zugang zu dieser Infrastruktur teurer oder begrenzter ist, drückt das das Wachstum. Genau das spiegele sich bereits in den Prognosen wider.

Ambivalente Lage für Investoren
Für Anleger sei die Lage eindeutig, aber unbequem: Der KI-Boom komme – die Frage sei nur, "mit oder ohne Deutschland". Entscheidend werde sein, wo die nachhaltigen "Schaufelhersteller" dieses Booms entstehen: von Chipfertigern über Spezialmaschinen bis zu Energie- und Kühlungstechnik. Dort lägen langfristig attraktive Chancen.

Doch diese Unternehmen bräuchten verlässliche Bedingungen: günstige Energie, schnelle Genehmigungen, klare Regeln. "Einige Länder liefern das bereits – und genau dort werden die nächsten Gewinner entstehen."

Deutschland hat Potenzial – nutzt es aber nicht
Thelen betont, dass Deutschland eigentlich hervorragende Voraussetzungen habe: starke Exportbranchen, spezialisierte Zulieferer und eine industrielle Basis, um die "uns viele Länder in Europa beneiden". Doch ohne klar priorisierte Zukunftsinvestitionen bleibe das Potenzial ungenutzt.

Der kommende Produktivitätssprung werde entscheiden, "wer die neuen Standards setzt und wer sie nur importiert". Nun brauche es eine klare Entscheidung: "Nutzen wir den KI-Boom, um unsere Rolle als führende Industrienation neu zu definieren? Oder reagieren wir darauf mit Nullwachstum, hoher Energiebelastung und einem bürokratischen Überbau, der Innovation ausbremst?"

Aktuell sieht Thelen vor allem eines: "Andere Länder kämpfen entschlossener um diese Zukunft. Die Frage ist, ob wir bereit sind, aufzuholen." (mb)