Zinsen sind ein rares Gut. Das raubt hochsoliden Investments wie Staatsanleihen ihre Attraktivität. Zugleich untergräbt die hohe Schuldenlast den Glauben an die unerschütterliche Zahlungsfähigkeit vieler Industrienationen. Dennoch benötigen Anleger ein Sicherheitsnetz fürs Portfolio. Eingedenk dieses Dilemmas klopften Analysten des US-Fondshauses Vanguard ab, wie stark die Niedrigzinsen tatsächlich die Funktion von festverzinsten Papieren als Ausgleich zur Risikoanlage Aktie einschränken.

Dafür untersuchten die Autoren die rollierende Dreijahreskorrelation von Aktien mit Staats- und soliden Unternehmensanleihen sowie mit dem Geldmarkt – jeweils für die Länder Großbritannien und Deutschland (siehe Grafiken oben). Das überraschende Ergebnis der Analyse: "Anleihen haben nichts von ihrem Diversifikationspotenzial verloren und sind auch weiterhin ein wichtiger Volatilitätsdämpfer in einem Multi-Asset-Portfolio – trotz einmalig niedriger Zinsen", schreiben die Autoren Giulio Renzi-Ricci und Lucas Baynes.

Unter der Nulllinie
Für beide Länder ermittelten die Experten keinen höheren Gleichlauf von Staatsanleihen und Aktien im Niedrigzinsumfeld, eher im Gegenteil. "Tatsächlich hat sich die negative Korrelation noch verstärkt, nachdem die Bundesanleihenrenditen unter die Marke von null Prozent gefallen waren", so die Autoren. Ähnliches gilt für britische Aktien und Staatsanleihen, wobei Gilts die Null-Prozent-Marke nicht durchbrochen haben. Einen generell größeren Gleichlauf notieren Renzi-Ricci und Baynes für Aktien und Unternehmensanleihen, der sich in der Magerzinsphase noch verstärkte.


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Gerade mit Blick auf die Niedrigzinsen knüpft sich eine weitere Frage an. "Anleger wollen wissen, wie stark sich Anleihen entwickeln, wenn Aktien einbrechen", merken die Vanguard-Autoren an. Daher untersuchte das Duo in einem weiteren Schritt für die Jahre von 2003 bis November 2020 die Performance der Rentenmärkte in Phasen, in denen die Aktienkurse fielen. Diese Prüfung unternahmen sie sowohl für Zeiten des "normalen" Zinsniveaus als auch für Niedrigzinsphasen.

Einträglicher Schutz
Auch diese Analyse förderte überraschende Ergebnisse zutage. Im rechnerischen Mittel erzielten bei Korrekturen am Aktienmarkt in Niedrigzinsphasen Staatsanleihen eine höhere Performance als zu normalen Zinsniveaus. Im Detail betrachtet fiel die Spannweite der Performance von öffentlichen Rentenpapieren in Niedrigzinszeiten deutlich enger aus. Bei den oberen fünf Prozent der Aktienkorrekturen lag die Performance von Bundesanleihen bei 2,2 Prozent, bei den unteren fünf Prozent bei minus 0,8 Prozent. Bei Aktienkorrekturen zu normalen Zinsniveaus erstreckte sich die Verteilung von 3 bis minus 1,1 Prozent.

Bei deutschen Unternehmensanleihen wiederum reicht die Performancespanne in Aktienmarktcrashs bei negativem Zinsniveau von 1,1 bis minus 3,3 Prozent, zu normalen Zeiten waren es 1,6 bis minus 1,2 Prozent. Diese Zahlen stützen die vorigen Auswertungsergebnisse: Staatsanleihen bieten auch im Niedrigzinsumfeld Schutz gegen Risiken am Aktienmarkt, und Anleger verdienen mehr als etwa am Geldmarkt oder mit Unternehmensanleihen.

Zum normalen Muster zurückgekehrt
Anleger sollten aber die Einschränkungen kennen. "Man darf nicht erwarten, dass unsere Ergebnisse bezüglich der negativen Korrelation zwischen Aktien und Anleihen jeden Tag in der Woche gelten", betont Renzi-Ricci. "Wir fanden Zeiträume, in denen sich beide Anlageklassen in dieselbe Richtung bewegten, etwa im März 2020." Als sich die Finanzmärkte aber aus ihrer anfänglichen Corona-Panik lösten und zu einer gewissen Normalität zurückkehrten, habe sich das zuvor beobachtete Verhältnis zwischen Aktien und Anleihen wieder eingestellt. (ert)