Mario Draghi kann es anscheinend niemandem recht machen. Wie schwer es für die EZB respetive ihren amtierenden Präsidenten seit vielen Jahren ist, den Zinssatz in der optimalen Höhe festzulegen, zeigt eine Analyse des Family Offices HQ Trust, die sich an der sogannten Taylor-Regel orientiert. Demnach sind die wirtschaftlichen Bedingungen in den Mitgliedsländern der Eurozone deratt unterschiedlich, dass die Leitzinsen in Griechenland beispielsweise bei minus 2,2 Prozent liegen sollten – und in den Niederlanden bei 5,0 Prozent (siehe Chart unten).

Die vom Ökonomen John Taylor in den 1990er Jahren entwickelte Regel zählt zu den wichtigsten Formeln, um die Angemessenheit der Zinspolitik von Zentralbanken zu bewerten. Die Regel fußt auf der Annahme, dass Geldpolitik die Auswirkungen von Zinsänderungen auf die Inflationsrate und die konjunkturelle Entwicklung berücksichtigen sollte. "Mir ihr können Investoren einschätzen, wie stark die Diskrepanz zwischen den geldpolitischen Bedürfnissen der Staaten der Eurozone ausfällt", erklärt HQ-Trust-Chefanlagestratege Reinhard Panse.

Es kann keinen Zins geben, der in einem Währungsverbund für alle optimal ist“, sagt Panse, der drei Ebenen des Problems sieht: Was die Zeit anbelangt, so hätte die EZB bereits vor dem Jahr 2006 den Leitzins wegen des Immobilienbooms in Irland, Spanien und Portugal gerne angehoben. Aber da habe es noch den "kranken Mann Europas" gegeben, der den niedrigen Zins brauchte: Deutschland. 

"Everbody's darling is everybody's Depp!"
Zudem werde es immer einen Interessenkonflikt zwischen reichen und armen respektive wachstumsstarken und konjunkturschwachen Regionen geben. Der Versuch, es allen recht zu machen, muss zwangsläufig scheitern. Oder, um es mit den Worten des legendären CSU-Chefs Franz-Josef Strauß auszudrücken : Everbody's darling is everybody's Depp! "Selbst in Deutschland sollte es unterschiedliche Zinssätze für München und Sachsen-Anhalt geben", sagt Panse. Zudem sei der Interessenausgleich für Wirtschaftssubjekte ein und derselben Nation ebenfalls alles andere als einfach zu bewerkstelligen: "Für Sparer sind die Zinsen viel zu tief. Für eine Firma, die kurz vor dem Bankrott steht, sind sie viel zu hoch.“

Zum Glück müsse sich die EZB nicht an einer Wählermehrheit orientieren. Ansonsten würde sie vielleicht den Zinssatz deutlich anheben. "Manchen Kritikern wäre es offenbar Recht, wenn die EZB für jeden einzelnen Bürger eine eigene Zentralbank bauen würde. Dann gäbe es in Europa 500 Millionen verschiedene Zinssätze, die dann ungefähr passten." Panses Résumé lautet – unter den gegebenen Umständen – daher: "Die EZB macht einen guten Job.“ (kb/ps)