Gibt es irgendwann die "Vereinigten Staaten von Europa"? Barry Eichengreen, Ökonom und Historiker, hält das für sehr unwahrscheinlich. In einem Vortrag distanzierte sich der Gastprofessor an der Goethe-Universität von der Idee einer gemeinsamen europäischen Fiskalpolitik nach US-amerikanischem Vorbild. Das berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Zwar habe die Ausdehnung des Bundeshaushalts in den Vereinigten Staaten zu mehr Synchronität innerhalb der einzelnen Bundesstaaten geführt, das sei aber vor allem zwei Weltkriegen zu verdanken.

In Europa sei eine solche Entwicklung sehr unwahrscheinlich, so der Ökonom. Als Beispiel nennt Eichengreen die Flüchtlingskrise. Diese Situation hätte eigentlich einer europäischen Koordination bedurft, und dennoch zogen die Mitgliedsstaaten nationale Alleingänge vor.

In seinem Vortrag sprach sich Eichengreen laut FAZ für eine Kapitalmarktunion sowie eine "Repatriierung" der Fiskalpolitik aus. Die EU müsse die Kapitalmarktflüsse auf europäischer statt auf nationaler Ebene steuern und zugleich den EU-Staaten wieder mehr Souveränität bei der Haushaltspolitik einräumen.

Europa wird immer synchroner
Eine Währungsunion funktioniert laut Eichengreen umso besser, je symmetrischer die Konjunkturzyklen der teilnehmenden Volkswirtschaften sind. Schon in den 1990er Jahren kritisierte der Ökonom, dass diese Synchronität bei vielen EU-Staaten nicht gegeben sei. Besonders asynchron entwickelten sich seinen Berechnungen zufolge Spanien, Griechenland, Italien und Großbritannien.

Zwei Jahrzehnte später führte er seine Messungen erneut durch – mit verblüffendem Ergebnis: Zwar entwickelten sich die EU-Länder immer noch asynchroner als die US-amerikanischen Staaten. Die Krisenstaaten Spanien, Italien und Griechenland wiesen plötzlich aber die höchste Synchronität mit Deutschland auf. Laut Eichengreen sei das vor allem den internationalen Kapitalströmen zu verdanken, die das Wachstum der Krisenstaaten finanzierten. (fp)