Europäische Aktien verzeichneten den größten Kurssprung seit mehr als vier Jahren, nachdem Anleger nach der Einigung zwischen den USA und Iran auf eine zweiwöchige Waffenruhe verstärkt zugriffen. Im Gegenzug soll Teheran die Straße von Hormus wieder öffnen.

Der Stoxx Europe 600 legte am Mittwoch (8.4.) bis zum Handelsschluss um 3,9 Prozent zu – der stärkste Anstieg seit März 2022. Besonders Aktien, die während des Konflikts stark gefallen waren, gehörten nun zu den größten Gewinnern. Reise- und Tourismuswerte führten die Rally an, der Energiesektor war als einziger im Minus.

Anleger setzen auf Stimmungsumschwung
"Investoren versuchen, auf einen Stimmungswechsel am Markt zu setzen: Sie kaufen alles, was in den vergangenen Wochen unter Druck stand – und verkaufen Gewinner", sagte Dan Coatsworth, Head of Markets beim britischen Finanzdienstleister AJ Bell.

Die Vereinbarung verschafft den USA und Iran Zeit, eine langfristigere Lösung zur Beendigung des Konflikts zu finden, der eine globale Energiekrise ausgelöst hat. Verstärkt wurde die Rally zudem durch hohe Short-Positionen sowie eine insgesamt pessimistische Positionierung systematischer, regelbasierter Investoren.

Aussicht auf Short Squeeze treibt Märkte
Strategen von Barclays erwarten eine "kräftige Short-Squeeze-Bewegung", da Hedgefonds und CTAs Absicherungen abbauen, die sie während des Krieges aufgebaut hatten.

"Angesichts eines starken Risikoabbaus bei CTAs und Hedgefonds, positiver saisonaler Effekte im April und eines weiterhin robusten wirtschaftlichen Umfelds könnten Aktien anfällig für einen starken Short Squeeze und eine Beta-Rally sein", schrieb Emmanuel Cau, Head of European Equity Strategy bei Barclays, in einer Mitteilung. "Der Weg des geringsten Widerstands für Aktien dürfte nach oben zeigen, selbst wenn der Ölpreisanstieg nicht vollständig zurückgeht."

Amundi nutzt Kursrückgang zum Einstieg
Amundi, mit einem verwalteten Vermögen von rund 2,38 Billionen Euro Europas größter Asset Manager, teilte unterdessen mit, die Kursrückgänge am Aktienmarkt für Zukäufe genutzt zu haben. "Wir haben unsere Aktienquote während des Ausverkaufs schrittweise erhöht, insbesondere in der vergangenen Woche, da die Positionierung aus unserer Sicht bereinigt war", sagte Amelie Derambure, Senior-Multi-Asset-Portfoliomanagerin bei Amundi.

Waffenruhe bringt Entlastung – Risiken bleiben
Obwohl die Waffenruhe für Entspannung an den Märkten sorgte, ging sie nicht auf die Forderungen von US-Präsident Donald Trump nach Einschränkungen des iranischen Atom-, Raketen- oder Drohnenprogramms ein. Ebenso gab es keine Hinweise darauf, dass die USA bereit sind, Irans Wunsch nach einer dauerhaften Vereinbarung und einer Aufhebung der Sanktionen zu erfüllen.

Der europäische Leitindex reduzierte seine Gewinne im Tagesverlauf leicht, nachdem die halbamtliche iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete, dass der Transit von Öltankern durch die Straße von Hormus infolge israelischer Angriffe auf den Libanon gestoppt worden sei.

"Auch wenn es nun klar Aufwärtspotenzial durch eine längerfristige Waffenruhe gibt, müssen wir berücksichtigen, dass weiterhin Faktoren bestehen, die zu einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten führen könnten", sagte Oliver Blackbourn, Multi-Asset-Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors. "Es ist unklar, wie offen die Straße von Hormus künftig sein wird – ob alle Schiffe passieren dürfen oder ob es Einschränkungen geben wird." (mb/Bloomberg)