Rohstoffstratege: Warum Gold trotz starker Fundamentaldaten schwächelt
Nach einer langfristig starken Entwicklung geraten Gold und Silber unter Druck. Laut Saxo-Bank-Stratege Ole Hansen sorgt der Nahostkonflikt für einen massiven Marktumschwung – mit Folgen für Inflation, Zinsen und Liquidität.
Gold und Silber stehen laut Ole Hansen, Chef-Rohstoffstratege der Saxo Bank, weiterhin unter erheblichem Druck. Der Krieg im Nahen Osten löse einen breiten makroökonomischen Schock aus, der Anleger zwinge, Inflation, Zinsen, Wachstum und Liquiditätsbedingungen gleichzeitig neu zu bewerten.
Nach Monaten starker Outperformance seien beide Metalle anfällig geworden – nicht, weil sich ihre fundamentale Rolle verändert habe, sondern weil sie stark überlaufen gewesen seien und Investoren nun Liquidität benötigten.
Energieschock belastet Märkte
Die Aktienmärkte gerieten angesichts wachsender Konjunktursorgen unter Druck, während Finanzierungskosten und Anleiherenditen infolge steigender Inflationserwartungen zulegen. Hintergrund sei eine der größten Störungen der globalen Energieversorgung überhaupt.
Iran sorge über die Energiemärkte für einen breiten Gegenschock mit globalen Auswirkungen. Gleichzeitig kletterten die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen erstmals seit drei Jahren über den Leitzins der Fed – ein Signal dafür, dass der nächste geldpolitische Schritt eher eine Zinserhöhung als eine Senkung sein könnte.
Abverkauf wegen Liquiditätsbedarf
Die Rückkehr des Goldpreises an seine 200-Tage-Linie – erstmals seit 2023 – verdeutlicht die Stärke der jüngsten Korrektur, so Hansen. In dem aktuellen Umfeld zähle Gold zu den stärker exponierten Anlagen. Der Abverkauf sei vor allem durch Positionsauflösungen, Stop-Loss-Verkäufe und den Bedarf an Liquidität getrieben. "Im Grunde wird Gold derzeit verkauft, weil es zu den wenigen liquiden Vermögenswerten gehört, die im Jahresverlauf noch Gewinne aufweisen", meint der Saxo-Bank-Stratege.
Warum Silber stärker verliert als Gold
Silber steht laut Hansen noch stärker unter Druck, was auf seine höhere Schwankungsanfälligkeit und konjunkturelle Sensitivität zurückzuführen ist. Der Ausverkauf beschleunigte sich nach dem Bruch wichtiger technischer Marken und eröffnete aus charttechnischer Sicht weiteres Abwärtspotenzial. Zuletzt näherte sich Silber einem wichtigen Unterstützungsniveau, während die 200-Tage-Linie als nächste zentrale Marke gilt.
Das Ausmaß der Korrektur ist erheblich: Im laufenden Monat verlor Gold mehr als 19 Prozent, Silber sogar fast 31 Prozent. Seit Jahresbeginn liegen die Rückgänge bei 1,8 beziehungsweise 8,1 Prozent. Auf Jahressicht bleiben jedoch deutliche Gewinne bestehen: Gold liegt knapp über 38 Prozent im Plus, Silber sogar bei rund 90 Prozent. Dies unterstreicht die Stärke der vorherigen Rally und erklärt die Intensität der aktuellen Verkaufsphase.
Perspektiven bleiben langfristig intakt
"Sobald sich die Lage beruhigt hat und die derzeitige Welle der Zwangsverkäufe abgeklungen ist, könnten sich insbesondere die Aussichten für Gold wieder deutlich verbessern", schreibt Hansen. Steigende Staatsverschuldung und zunehmende Stagflationsrisiken – ausgelöst durch höhere Energiekosten bei gleichzeitig schwächerem Wachstum – könnten die Nachfrage nach Gold als Absicherung gegen makroökonomische Instabilität und Währungsabwertung wieder stärken. Silber dürfte ebenfalls profitieren, bleibe kurzfristig jedoch stärker von Konjunktursorgen abhängig. (mb)















