Der Ölmarkt liegt am Boden – und die Lage ist sogar noch ernster, als viele Anleger zu wissen glauben. Davon ist Benjamin Louvet, Fondsmanager bei OFI Asset Management, überzeugt. Vor wenigen Tagen notierte Rohöl aus dem US-Bundesstaat Wisconsin zu einem negativen Preis, berichtet er. "Das bedeutet, der Ölproduzent musste seine Kunden für die Abnahme des Öls bezahlen. Das mag ein Extremfall sein, zeigt aber, wie angespannt der Ölmarkt insgesamt ist."

Ein Grund für die desolate Lage am Ölmarkt ist die Corona-Pandemie, die zu einem Nachfrageschock geführt hat. Die Internationale Energieagentur rechnet durch den Lockdown in vielen Ländern mit einem Nachfrageeinbruch von 20 Millionen Barrel Öl pro Tag. Das entspricht einem Rückgang um 20 Prozent gegenüber der Zeit vor Corona. Auf der anderen Seite hat der Preiskrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien einen Angebotsschock zur Folge. Louvet erwartet für die kommenden Wochen einen täglichen Nachschub von drei bis vier Millionen Barrel aus den beiden zerstrittenen Öl-Nationen.

Ölpreis könnte weltweit ins Negative sinken
Insgesamt gibt es auf dem Ölmarkt wegen der Doppelbelastung aus Angebots- und Nachfrageschock mittlerweile ein Überangebot von fast 24 Millionen Barrel pro Tag, erklärt der OFI-Experte. Das ist mehr als je zuvor. Noch sind die Lagerkapazitäten nicht erschöpft. "Experten schätzen die weltweit verfügbare Speicherkapazität auf etwa eine Milliarde Barrel", sagt Louvet. Beim aktuellen Produktionsüberschuss wird es aber nur noch 40 bis 50 Tage dauern, bis die Speicher überfließen.

Halten die Ausgangssperren noch einige Wochen an, finden sich keine Abnehmer mehr für Öl, prophezeit Louvet. "Die Folge: Entweder bezahlen Ölproduzenten dann Abnehmer dafür, ihr Öl zu lagern, was allerdings die Ölpreise weltweit ins Negative drücken würde. Oder die Ölförderung müsste gedrosselt werden." (fp)