Europäische Staatenlenker haben unterschätzt, wie hoch der Metallbedarf in E-Fahrzeugen, Windturbinen, Solaranlagen und Wasserstoffanlagen sein wird, kritisiert Fondsmanager Benjamin Louvet. "Wir müssen unsere Diplomatie überdenken", mahnt der Portfoliomanager, der als Rohstoffexperte auch staatliche und supranationale Behörden berät. Europa müsse seine Beziehungen mit China, Afrika und Südamerika intensivieren, so Louvet in einem Gespräch, das in der aktuellen Printausgabe von FONDS professionell 1/2022 erscheint. In China, wo fast die gesamte Staatsführung aus Ingenieuren bestehe, sei die Dimension des Rohstoffbedarfs viel früher erkannt worden.

CO2-arme Technologien wie Wind-, Solar-, Nuklear- und Wasserkraft, ohne die die Pariser Klimaziele nicht erreicht werden können, seien extrem metallintensiv. "Ein Elektroauto braucht sechs Mal mehr der kritischen Metalle als ein konventionelles Auto. Und es sind ganz andere Metalle nötig – nicht nur Kupfer und Mangan, sondern auch Lithium, Kobalt, Nickel, Grafit", erklärt Louvet. Auch Edelmetalle wie Silber (etwa zur Verbindung der Batterieboxen in E-Autos) werden in hohem Ausmaß gebraucht. "2019 hat die Automobilindustrie bis zu sieben Prozent der weltweiten Silberproduktion benötigt – und das bei einem E- und Hybridanteil am Fahrzeugmarkt von nur fünf Prozent. Um die Paris-Vertrags-Limits einzuhalten, müsste der Anteil bis 2030 auf 60 Prozent steigen. E-Mobilität wird ein echter Game Changer“, sagt Louvet.

Wind und Sonne
Silber zählt zu den Metallen, die auch für Sonnenstrom nötig sind. In einem Solarpaneel durchschnittlicher Größe befinden sich fünf Gramm davon. Jedes Jahr braucht man 3.142 Tonnen Silber (zwölf Prozent der globalen Produktion) für Solartechnologien. "2020 hatten wir mit einer installierten Solarkapazität von 120 Gigawatt einen Rekord. Wenn wir uns an das Paris-Abkommen halten, müssen wir weltweit bis zum Jahr 2030 jedes Jahr 620 Gigawatt installieren. Also fünf Mal mehr als der aktuelle Rekord", so Louvet. Ähnlich bei neuen Windkraftkapazitäten, wo man jährlich einen vierfach so hohen Wert installieren müsste, wie die aktuellen Rekordlevels.

Bei Windkraft dürften insbesondere die Kupferreserven entscheidend werden: In einer Windturbine sind zwischen einer und fünf Tonnen des Rohstoffs verbaut. "Das französische Energieinstitut IFPEN hat errechnet, dass 2050 fast 90 Prozent der heute bestätigten Kupferreserven erschöpft sein werden, allein wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen; nicht einmal das 1,5-Grad-Ziel. Und das auch nur, wenn wir eine ambitionierte Recyclingquote von plus 40 Prozent schaffen", so Louvet. Man wird dann auf Reserven zurückgreifen, die nur zu höheren Kosten erschlossen werden können.  

Inflationärer Effekt
Die Energiewende werde stark inflationär wirken, so Louvet, der auf einen noch jungen Report des Internationalen Währungsfonds IWF verweist, der vier Metalle herausgreift. "Darin heißt es, allein Lithium, Kobalt und Nickel sollen sich bis 2030 um mehrere hundert Prozent verteuern, Kupfer um 60 Prozent. Der IWF nennt seine Schätzungen konservativ", so Louvet.

Er betont, dass man diese Wahrheit den Verbrauchern deutlicher kommunizieren müsste. "Die Energiewende wird teuer. (…) Ich denke nicht, dass das zu zehn Prozent Inflation führt, aber die Auswirkung wird gravierender, als die Leute denken", so der Portfoliomanager. Man müsse jedoch auch den anderen Teil der Wahrheit erwähnen: "Wenn wir die Energiewende nicht schaffen, wird es uns viel mehr kosten", sagt der Experte.

Inflation hausgemacht
Gleichzeitig kritisiert er, dass ein Teil der Inflation daher kommt, weil die Staaten "die Energiewende falsch herum angegangen" seien. Regierungen hätten das Angebot an fossilen Energien wie Kohle und Öl gedrosselt, aber nichts unternommen, um die Nachfrage zu senken. Momentan müsse anerkennen, "dass wir noch immer Öl brauchen. Während man den Ausbau der Alternativenergien beschleunigt, müsse man "auf kurze Sicht unbedingt in den Ölsektor investieren", warnt er vor drastischen Folgen. (eml)


Das gesamte Gespräch erscheint in der aktuellen Heftausgabe 01/2022 von FONDS professionell, die Abonnenten dieser Tage zugestellt wird, und kann auch im E-Magazin gelesen werden.