In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Investmentsegment "Emerging Markets“ dramatisch verändert: Hatten Mexiko und Malaysia Mitte der 1990er Jahre noch großes Gewicht, dominiert heute China – und Asien macht fast drei Viertel des Schwellenländer-Index aus. Zudem hat Lateinamerika sehr unter den sinkenden Rohstoffpreisen gelitten.

Asiens Dominanz stellt Investoren vor eine neue Herausforderung, wie die Spezialisten von Robeco erläutern. Lange Zeit war es trotz starken Wachstums schwierig, in diesem Teil der Welt Renditen zu erzielen. Warum? Es fehlte an aktionärsfreundliche Praktiken. Ein Beispiel dafür sind Bilanzen mit viel teurem Eigenkapital und niedrigen Gewinnausschüttungen.

Effizientere Bilanzen in den asiatischen Ländern täten gut
Bemerkenswert dagegen findet Arnout van Rijn, dass in Lateinamerika trotz der niedrigeren Wachstumsraten in diesem Teil der Welt viele Unternehmen immer noch ansehnliche Renditen erwirtschaften. Seiner Überzeugung nach hängt dies damit zusammen, dass sie Managementmethoden anwenden, die in den angelsächsischen Ländern üblich sind.

"Unternehmen werden dort im Interesse der Aktionäre geführt. Wir wollen erreichen, dass asiatische Unternehmen Aktionäre ebenfalls mehr auf 'amerikanische Art‘ betrachten“, sagt van Rijn. "Unter anderem indem sie ihre Bilanzen effizienter gestalten. Bislang betrachten sie Eigenkapital als kostenloses Finanzmittel, selbst wenn es aufgrund der Bilanzposition effizienter wäre, sich Fremdkapital zu beschaffen. Wir versuchen, den Managern der Unternehmen aufzuzeigen, dass sie durch Fremdkapitalaufnahme eine höhere Eigenkapitalrentabilität erreichen können.“

Dividenden gelten in Asien vielerorts noch immer als Ausdruck von Schwäche
Viele Führungskräfte asiatischer Unternehmen halten es immer noch für ein Zeichen von Schwäche, Dividenden zu zahlen. Neue Generationen von Firmenlenkern verstehen aber laut van Rijn besser, dass das nicht so ist: "In den Schwellenländern ansässige Pensionskassen, die höhere Dividenden wollen, schließen sich dieser Diskussion an.“

Beispiel Südkorea: Dort ist der an die Aktionäre verteilte Prozentsatz der Gewinne von bescheidenen 17 Prozent auf 30 Prozent gestiegen. Diese Ausschüttungsquote ist immer noch viel geringer als in Taiwan mit 60 Prozent und liegt auch deutlich unter dem weltweiten Durchschnittswert von 40 Prozent. Darüber hinaus stellt van Rijns Kollege Wim-Hein Pals fest: "Was die Behandlung von Aktionären betrifft, ist Russland ein dramatischer Fall. Allerdings war die Situation zu Beginn dieses Jahrhunderts noch deutlich schlimmer. Staatlich kontrollierte Unternehmen haben ihre Minderheitsaktionäre allmählich stärker im Blick.“

Eigenkapitalrendite ist wichtiger als Wachstum
Die Gespräche, die die Experten mit Unternehmensvorständen führen, bilden bei Robeco zudem die Grundlage der ESG-Politik für Schwellenländer: Diese zielt unter anderem auf eine Verbesserung von Managementpraktiken ab, sodass das hohe Wachstum in diesen Ländern auch zu stärkeren Ertragssteigerungen und höheren Gewinnausschüttungen führt, von denen die Anleger profitieren. 

"Zurzeit sind Schwellenländer-Aktien ausgesprochen billig“, hebt Pals hervor. "Bei den Kurs-Gewinn-Verhältnissen gibt es gegenüber den Industrieländern Abschläge von 30 Prozent – verglichen mit einem historischen Durchschnitt von etwa zehn Prozent. Dies dient als Ausgleich für höhere Risiken und geringere Liquidität.“

Pals und van Rijn erwarten, dass die zwischen Industrie- und Schwellenländern bestehenden Unterschiede bei den Bewertungskennzahlen allmählich verschwinden werden. So sagt van Rijn: "Anleger sollten sich nicht allein auf Wirtschaftswachstum fixieren. Die Schwellenländer werden zwar auch in den nächsten Jahren stärker wachsen als die Industrieländer. Wichtiger ist aber die Eigenkapitalrendite.“ Die Börsen der Schwellenländer könnten demnach stark von der Rotation weg von Wachstums- hin zu Substanzaktien profitieren. "Teils als Folge hiervon könnten die nächsten zehn Jahre durchaus zum Jahrzehnt der Schwellenländer werden", fassen die beiden Robeco-Experten zusammen. (kb)