Japan ist auch aus Anlegersicht wieder "in". Allein in der ersten Oktoberwoche verzeichnete das japanische Finanzministerium Zuflüsse von mehr als 16 Milliarden US-Dollar in japanische Aktien von ausländischen Investoren − der höchste Wochenzufluss seit 2005. Richard Kaye, Portfoliomanager für japanische Aktien bei der Fondsboutique Comgest, erläutert, weshalb nach jahrelanger Value-Rally wieder die Stunde der Qualitätsaktien schlagen könnte.

Schwacher Yen verliert an Zugkraft
Die Entwicklung des japanischen Aktienmarkts seit der Corona-Pandemie wurde seiner Einschätzung nach von verschiedenen Faktoren getragen. Zum einen von Kapitalabflüssen aus China: "Angesichts der Immobilienkrise und politischer Restriktionen suchten ausländische Investoren nach Alternativen – und fanden diese unter anderem in Japan", so Kaye. Gleichzeitig hielt die Bank of Japan die Zinsen niedrig, um die hartnäckige Deflation in den Griff zu bekommen. Der vergleichsweise schwache Yen war ein weiterer Treiber für Mittelzuflüsse. Hinzu kamen japanische institutionelle Investoren, die zunehmend ihren Heimatmarkt für sich entdeckten. "Value-Aktien waren besonders gefragt, da die mit ihnen verbundenen Sektoren zu den Gewinnern des schwachen Yen gehörten", so der Comgest-Experte. "Doch nun könnte sich eine Trendwende abzeichnen."

"Die Value-Rally kann sehr schnell abkühlen, wenn etwa die Mittelzuflüsse, die aus China umgeleitet wurden, wieder dorthin zurückfließen", meint Kaye. Dazu kommt: Seit 2024 steigen die Zinsen in Japan wieder, wenngleich sie weiterhin vergleichsweise niedrig sind. Dies – und noch wichtiger – der Zinssenkungszyklus der US-Notenbank beendet den Vorteil des schwachen Yen. Kaye sieht die Entwicklung auch positiv: "Nicht alles, was in Japan als Value-Aktie bezeichnet wird, verdient diesen Namen. Manche Unternehmen werden einfach schlecht gemanagt." Einige Unternehmen, wie etwa exportorientierte Industriebetriebe, hätten bislang vom schwachen Yen profitiert. "Seine Aufwertung dürfte ihre Gewinne beeinträchtigen", so Kaye.

Wachstum aus eigener Kraft 
Er sucht hingegen nach Unternehmen, die aus eigener Innovationskraft und Wettbewerbsstärke wachsen können. Sie dürften seiner Meinung nach in jedem Umfeld ein überdurchschnittliches zweistelliges Wachstum erzielen, weil ein wirtschaftlicher Burggraben ihnen Preissetzungsmacht gibt und sie in der Regel über stabile Kundenbeziehungen verfügen. 

Solche Unternehmen findet er häufig abseits des breiten Marktes, hebt Kaye hervor: "Uns interessieren die Unternehmen, die Japan voranbringen und das künftige Wachstum treiben. Das sind nicht unbedingt die bekannten Autobauer oder Industrieunternehmen aus dem Nikkei. Stattdessen investieren wir lieber in Unternehmen, die in Nischentechnologien aktiv sind." Beispiele sind Sysmex, ein Hersteller von Laboranalysegeräten zur Blutuntersuchung, und der Softwarehersteller Obic. Obic entwickelt Software, mit denen sich die Prozessabläufe kleiner und mittlerer Unternehmen optimieren lassen. (jh)