Portfoliomanager: "Ich tanze mit, aber ich stehe nicht auf dem Tisch"
Rekordverdächtige Börsengänge, schwindelerregende Bewertungen, euphorisierte Anleger: Viele Branchenbeobachter warnen vor einem abrupten Ende der KI-Rally. Der frühere Berenberg-Fondsmanager Michael Schopf hält dagegen.
Hat sich an der Börse eine KI-Blase aufgepumpt, die bald platzen wird? Michael Schopf hält von derartigen Warnungen wenig. "Wer jetzt aussteigt, ist zu früh dran", ist der Portfoliomanager überzeugt, der in seiner mehr als 20-jährigen Karriere in der Finanzbranche lange Zeit für Allianz Global Investors und Berenberg gearbeitet hat. "Und zu früh ist an der Börse nur ein anderes Wort für falsch", so Schopf gegenüber FONDS professionell ONLINE. "Die Warner können am Ende recht behalten und ihren Anlegern trotzdem viel Geld kosten. Eine Blasenwarnung ist eben eine Diagnose, kein Zeitplan. Wer zu früh vom Parkett geht, verpasst den profitabelsten Teil der Party."
Damit spielt Schopf auf ein berühmtes Zitat von Chuck Prince an. Im Jahr 2007, im Vorfeld der Finanzkrise, sagte der damalige Chef der Citigroup, man müsse tanzen, solange die Musik spielt. "Kurz danach war er seinen Job los", weiß der Portfoliomanager. "Die übliche Lesart: Gier macht blind. Ich lese das anders. Prince lag nicht falsch mit dem Tanzen. Er kannte nur den Ausgang nicht."
"Der Markt ist heiß – manisch ist er nicht"
Schopf meint zu wissen, wie das Ende einer Manie aussieht. "Mein erster Job in der Finanzbranche begann 2002 in einer Bankfiliale, mitten im Aufräumen nach dem Dotcom-Crash", erinnert er sich. "Eine ältere Dame erklärte mir damals, sie möchte nie wieder eine Aktie besitzen. So etwas vergisst man nicht. Deshalb tanze ich heute mit Blick zur Tür."
Seiner Meinung nach stehen die Märkte im historischen Vergleich heute näher an 1998 als am März 2000, als die New-Economy-Blase platze. Schopf hat passende Zahlen parat: 1999 gab es in den USA 370 Tech-Börsengänge, nur 14 Prozent davon profitabel, im Schnitt mit 87 Prozent Kursgewinn am ersten Tag. 2025 waren es 31 Tech-IPOs, ein Viertel profitabel, 33 Prozent Ersttagsrendite. "Der Markt ist heiß – manisch ist er nicht", so das Fazit des Finanzprofis.
In Europa sei von der Euphorie ohnehin wenig zu spüren. Schopf erinnert daran, dass zur Zeit des "Neuen Marktes" jeder über Aktien sprach, "auch mein Friseur beim Haareschneiden". Heute empfehle ihm dort niemand Nvidia. "Solange sich das nicht ändert, sind wir nicht am Top", ist der Portfoliomanager überzeugt.
"Keine Position ist auch eine Position"
Auch fundamental hinke der mitunter bemühte Vergleich zur Jahrtausendwende. Nvidia wachse im Jahresvergleich um über 70 Prozent und koste das rund 30-Fache des erzielten Gewinns, so der zertifizierte Finanzanalyst (CFA). Im Jahr 2000 seien einige Titel sogar mit dem 70-Fachen des erwarteten Gewinns bewertet gewesen. "Was mir eher Sorgen macht, ist die Konzentration", gibt Schopf zu bedenken: Die zehn größten US-Titel stünden für fast 40 Prozent des S&P 500 und für mehr als 25 Prozent des MSCI World. Eine derart hohe Konzentration des Marktes habe es zur Jahrtausendwende nicht gegeben.
Das hat Schopf zufolge auch Konsequenzen für Fondsmanager: "Keine Position ist auch eine Position", ist er überzeugt. "Wer in einem globalen Portfolio Nvidia, Apple, Alphabet und Co. nicht hält, wettet gegen die größten Renditetreiber der letzten Jahre. Das darf man. Man sollte nur ehrlich dazu stehen."
"Weit entfernt von den Exzessen des Jahres 1999"
Der Wendepunkt an den Märkten stehe noch aus, meint Schopf. Er verweist auf den Börsengang des US-Unternehmens SpaceX, dessen Aktie am ersten Tag rund 19 Prozent im Plus schloss. "Ordentlich, aber weit entfernt von den Exzessen des Jahres 1999, als einzelne Tech-IPOs am ersten Tag um mehrere hundert Prozent explodierten", so der Portfoliomanager. "Inzwischen hat die SpaceX-Aktie ihre Anfangsgewinne sogar wieder weitgehend abgegeben, und OpenAI denkt Berichten zufolge genau deshalb über eine Verschiebung seines Börsengangs nach." Das zeige, dass der Markt wählerisch bleibe. Das "Endspiel" beginne für ihn erst, wenn auch die Aktien von OpenAI und Anthropic an der Börse handeln und die Ersttagsgewinne wieder dreistellig werden.
"Bis dahin bleibe ich investiert", kündigt Schopf an. Er gewichte die Mega-Caps neutral und baue auf Disziplin statt Narrativ. "Ich tanze mit, aber ich stehe nicht auf dem Tisch", sagt er. "Denn die wichtigste Dotcom-Lektion gilt weiter: Die Glasfaserkabel von damals tragen bis heute das Internet, viele ihrer Erbauer gingen trotzdem pleite. Die Technologie kann recht behalten und der Aktionär trotzdem ruiniert werden." (fp)















