Nach Einschätzung von Paul Krugman, seit seinem Wechsel von Princeton im Jahr 2015 Professor für Economics an der City University of New York, unterschätzen die Ölpreise derzeit die tatsächliche Belastung der Energiemärkte. Zwar liege der Preis für Brent-Rohöl mit aktuell etwa 90 US-Dollar je Barrel nach der Schließung der Straße von Hormus nur rund 25 Dollar über dem Niveau vor dem Krieg und damit unter früheren Spitzenwerten von weit über 100 Dollar. Entscheidend sei jedoch nicht allein der Rohölpreis, sondern der Preis der daraus gewonnenen Produkte wie Benzin und Diesel.

Krugman verweist auf die stark gestiegenen Großhandelspreise für Diesel und Benzin. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang infolge von Hoffnungen auf eine politische Einigung seien sie wieder nahe an ihren jüngsten Höchstständen. Für Verbraucher und Unternehmen, die letztlich raffinierte Produkte statt Rohöl nachfragen, sei die Preisbelastung daher deutlich stärker, als es der Blick auf Brent oder WTI vermuten lasse.

Kosten raffinierter Ölprodukte deutlich höher
Im Zentrum seiner Argumentation steht der sogenannte "Crack Spread", also die Differenz zwischen dem Preis für Rohöl und dem Wert der daraus raffinierten Kraftstoffe. Dieser Abstand habe sich seit Beginn des Konflikts um etwa 35 Dollar je Barrel ausgeweitet. Rechne man diesen Anstieg zum um rund 25 Dollar höheren Rohölpreis hinzu, lägen die Kosten raffinierter Ölprodukte effektiv etwa 60 Dollar je Barrel über dem Vorkriegsniveau.

Ursache sei ein Engpass bei den Raffineriekapazitäten. Ein Teil der Anlagen sei durch die Blockade der Straße von Hormus faktisch abgeschnitten, weitere Kapazitäten fallen laut Krugman infolge ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Energieinfrastruktur aus. Die Einschränkungen beträfen damit nicht nur die Ölversorgung aus dem Nahen Osten, sondern auch die Verarbeitungskapazitäten und Logistik in anderen Teilen des Marktes.

Neuer Inflationsdruck
Der Raffinerie-Engpass dämpfe zugleich den Rohölpreis. Käufer zahlten keine extremen Preise für Rohöl, da sie es nicht oder nur eingeschränkt verarbeiten könnten. Die notwendige Nachfragerationierung erfolge deshalb weniger über den Preis des Rohöls als über höhere Margen und Endpreise bei Benzin und Diesel. Für die USA bedeutet dies nach Krugmans Einschätzung neuen Inflationsdruck. Nach zwei Monaten sinkender Kraftstoffpreise dürften die kommenden Teuerungsdaten wieder anziehen. Benzin koste bereits wieder mehr als vier Dollar und Diesel mehr als fünf Dollar je Gallone, mahnt der Ökonom. (hh)