Stellen Sie sich vor, Ihre Bank – aber genausogut Ihr E-Mail-Anbieter oder Facebook – könnten alle Zahlungen für Sie leisten, Ihren Stromtarif auf Basis Ihres Verbrauchs optimieren und bei jedem Urlaub eine Reiseversicherung abschließen. Seit Anfang des Jahres ist dies durch die neue "PSD2 Open Bank-Richtlinie" möglich.

Einschneidende Veränderung
PSD2 regelt die Öffnung der Finanzdaten für Drittanbieter. Der Kern der Regulierung: Die Daten gehören dem Kunden, nicht der Bank; diese muss einen Dritten, zum Beispiel ein Fintech oder eine andere Bank darauf zugreifen lassen, wenn der Kunde das will. PSD2 gilt als eine der einschneidendsten Veränderungen für den traditionellen Bankensektor, weil dieser damit das Monopol über die mühsam gewonnenen und jahrelang gehegten und gepflegten Kundenkontakte und insbesondere über den Zahlungsverkehr verliert.

Die österreichischen Banken sind beim Thema PSD2 im internationalen Vergleich keine Vorreiter, heißt es bei A.T. Kearney. Selbst die Erste Group, die oft darauf hinweist, dass ihre Plattform George PSD2-fähig ist, und damit bereit für das Andocken von Fintechs, habe noch keine Produkte lanciert. Die Zurückhaltung kann innerhalb der Landesgrenzen noch für einige Zeit gut gehen, denn die heimischen Bankkunden überlassen ihre Daten ohnehin nur ungern Dritten. In den für die heimischen Banken wichtigen CEE-Märkten drängt die Zeit aber.

Internationale Banken testen Trends in Osteuropa
"Internationale Banken haben osteuropäische Märkte immer wieder als Testmärkte für PSD2-fähige Anwendungen hergenommen. In Polen haben Banken schon vor Jahren aktiv für Kunden den Markt für einen Stromanbieterwechsel gescreent. In letzter Zeit sind auch Rumänien und Kroatien als Testmärkte für PSD2-Anwendungen interessant gewesen. Gerade in Kroatien lassen die Kunden sich gerne auf Innovationen ein", sagt Daniela Chikova, Partnerin Financial Services bei A.T. Kearney. Sie hat mit Kollegen eine Studie erstellt, in der 20.000 Konsumenten in Europa und den USA, davon 500 in Österreich, gefragt wurden, was sie von dieser neuen Chance halten.

Es zeigte sich, dass in Österreich Bankkunden im Unterschied zu den kroatischen eine geringe Bereitschaft haben, tatsächlich ein Start-up, oder auch einen großen Anbieter wie Facebook oder Google an ihre Bankdaten zu lassen. 76 Prozent sagen, sie würden keine Zustimmung geben oder hätten zumindest große Bedenken. Nur die Franzosen sind in Europa noch skeptischer.

Bank beantragt Sozialleistungen
Allerdings werfen die österreichischen Bankkunden ihre Bedenken schnell über Bord, wenn die Bank ihnen damit äußerst ungeliebte Tätigkeiten abnimmt: 41 Prozent würden jederzeit ihre Finanzdaten mit einem Dritten teilen, wenn dieser staatliche Dienstleistungen beantragt, und Steuern oder Sozialleistungen automatisch verwaltet. Die Bank könnte also in ihr Angebotsuniversum aktiv einen Dienst hereinnehmen, der die Autobahnvignette beantragt, oder den neuen Reisepass, bevor der alte abläuft, oder einen Dienst, der sich bei Auslandsreisen um die Mehrwertsteuerrefundierung kümmert. Stromanbieter- oder Versicherungswechsel wäre immerhin für rund ein Drittel ein Grund, die Skepsis gegenüber solchen Open Banking-Anwendungen aufzugeben.

Internationale Beispiele zeigen, dass den Instituten bei Open-Banking-Angeboten keine Grenzen gesetzt sind. Hauptsache, man trifft ein wirkliches Bedürfnis. In Australien bietet die Commonwealth Bank einen Dienst an, in dem sich Kandidaten, die sich in einem Rekrutierungsprozess befinden, identifizieren können. Arbeitgeber können die Personen über dieses Tool online authentifizieren. Es mag erstaunen, dass hier die Leute mitmachen. Doch: "In Australien gibt es 24 Millionen Einwohner, aber 150 Millionen Identitäten. Die Personen stimmen zu, weil es um ein echtes Problem geht", so Chikova.

Konkurrenz schläft nicht
Ob am Ende Internetriesen wie Google, Facebook oder Amazon den Banken das Wasser beim Open Banking abgraben können, ist schwer zu sagen. Sie alle würden ja gern am Markt der Zahlungsdienstleistungen eine größere Rolle spielen. Ihr größtes Kapital besteht in einem Schatz an Kundendaten. Zum Beispiel bietet Amazon in Zusammenarbeit mit Visa schon heute eine Kreditkarte an. Über Amazon Cash können Kunden auch Bargeld auf ihr Amazon-Konto laden, und man ist in Gesprächen mit US-Großbanken, um eine Art Girokonto für junge Kunden zu entwickeln. "Längerfristig macht derjenige das Rennen, der es schafft, positive Kundenerfahrung, Datenanalysefähigkeit, Agilität und starke Marken miteinander zu verschmelzen“, so Chikova. (eml)