Geht es nach der EU-Kommission, müssen Vermögensberater bald ethische Veranlagungskriterien verpflichtend in die Kundenberatung einbinden. Dann heißt es: Nachhaltigkeitsberichte lesen! Doch die Güte dieser Berichte ist noch nicht ausreichend, wie aus einer Studie hervorgeht.

Börsenotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sind seit 2017 verpflichtet, eine "nichtfinanzielle Berichterstattung" vorzulegen. Darin muss ersichtlich sein, wie die Unternehmen mit Themen umgehen, die die Stakeholder betreffen. Bei den Stakeholdern handelt es sich um einen relativ großen Kreis: Aktionäre, Beschäftigte, Kunden, Gesellschaft, Umwelt, etc. Diese Berichtspflicht ist in der zweiten Berichtssaison in den Unternehmen anscheinend noch immer zu wenig verankert. Zum anderen ist aber auch das Gesetz sehr schwammig, so dass die Betriebe erst recht mit der Umsetzung hadern, wie aus einer Untersuchung der Arbeiterkammer (AK) hervorgeht.

Es krankt am Herzstück
Laut Studienautor Josef Baumüller, Forscher an der Wirtschaftsuniversität Wien, haben die Unternehmen schon allein bei der Darstellung der Themen, die für die Stakeholder relevant sind (etwa Arbeitsbedingungen, CO2-Emissionen, Datenschutz etc.), Probleme. Diese sogenannte "Wesentlichkeitsanalyse" sei eigentlich Herzstück einer jeden nichtfinanziellen Berichterstattung. Doch bereits der Blick auf die Quantität zeigt, dass dieses Herzstück sehr unterschiedlich ernst genommen wird: Im Mittelwert umfasst der Bereich nur knapp drei Seiten, wobei die Spannweite bei 1,5 bis 13,25 Seiten liegt.

Auch sei diese Wesentlichkeitsanalyse in vielen Fällen nicht nachvollziehbar, heißt es in einer Aussendung. Zum Beispiel definieren viele Konzerne nicht, für welche Gesellschaften der Bericht überhaupt gilt, etwa ob auch Töchter oder andere Konzernunternehmen mitgemeint sind.

Risiken werden nicht dargestellt
Dürftig ist laut Baumüller auch die Darstellung der Risiken, die den Stakeholdern aus dem unternehmerischen Handeln entsteht. Diese Risikodarstellung müsste ein wichtiger Bestandteil der Berichte sein. Sie werde in der Berichterstattung aber zu wenig dargelegt, heißt es, ohne genaueres Beispiel. "Die Unternehmen scheuen sich offenbar davor, sie anzugeben, weil sie über diese Risiken mitunter selbst nicht vollumfänglich Bescheid wissen oder aber nicht in der Lage sind, etwas dagegen zu unternehmen", schlussfolgert Baumüller.

Ein Problem ist auch, dass die nichtfinanzielle Berichterstattung nicht auf höchster Ebene angekommen ist: Laut Gesetz müsste der Aufsichtsrat prüfen, ob die Berichte rechts- und zweckmäßig sind. "In der Analyse hat sich jedoch gezeigt, dass sich der Aufsichtsrat nur sehr wenig mit der Materie befasst, es fehlt schlicht an Expertise", heißt es. Eine externe Überprüfung wiederum ist bisher nur freiwillig, weshalb nur wenige Unternehmen das auch machen. "Und wenn, dann bleibt diese Prüfung auf Mindeststandards beschränkt und ist hinsichtlich Methodik und Ergebnissen nicht immer nachvollziehbar", so Baumüller.

In Österreich fallen 89 Betriebe unter die Berichtspflicht. In der AK-Studie wurden 33 ATX Prime-Unternehmen inhaltlich analysiert. Gleichzeitig wurden die Ergebnisse einer Unternehmensbefragung aus dem Frühjahr 2019 eingearbeitet. Kontaktiert wurden dafür alle an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen, doch nur 26 retournierte Fragebögen waren verwertbar.

Schwammiges Gesetz – Haftungsrisiko
Schuld an den Mängeln ist nach Ansicht von Studienautor Baumüller auch das Gesetz. Hinter den Erfordernissen steht die Non-Financial-Information Richtlinie (kurz NFI-Richtlinie, 2014/95/EU). Sie wurde in Österreich im Dezember 2016 mit dem Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz (NaDiVeG) in nationales Recht umgesetzt – allerdings nur nach einem Minimalansatz. Schon die NFI-Richtlinie, aber auch die Umsetzung seien "inhaltlich in vielen Punkten unklar und schlecht gemacht".

Baumüller warnt vor den Folgen der mangelhaften Gesetzeslage: Wenn die Berichtspflichten nicht oder nur unzureichend erfüllt werden, habe das zur Folge, dass die Unternehmen ein Haftungs- bzw. Strafrisiko eingehen. Zum anderen bewirkt es auch, dass die Berichte sehr unterschiedlich sind. Darunter leidet die Vergleichbarkeit und Aussagekraft.

Bessere Gesetze in anderen Ländern
Länder wie Frankreich, Dänemark oder Schweden seien bei der Umsetzung der EU-Richtlinie mit besserem Beispiel vorangegangen, sagt AK Wien Betriebswirtin Christina Wieser. In Dänemark etwa bestehen konkrete Vorschriften zur Publikation auf der Website, um Verwechslungen des Berichts mit anderen CSR-Berichten zu verhindern, außerdem müssen verschiedene Einzelaspekte detailliert berichtet werden. In Frankreich wiederum muss der nichtfinanzielle Bericht von einer unabhängigen externen Stelle beurteilt werden.

Die AK hat nun einen Forderungenkatalog aufgestellt. Sie würde gern einen verpflichtenden Mindestkatalog sehen, in dem konkrete Leistungskriterien wie Energieverbrauch, Berücksichtigung von Sozial- und Umweltfragen in der Einkaufspolitik, Gesundheit der Mitarbeiter, Überstunden oder Arbeitssicherheit klar definiert sind. Auch solle der Anwendungsbereich – derzeit sind nur 0,09 Prozent der österreichischen Kapitalgesellschaften betroffen – ausgeweitet werden. Die Berichte müssten des Weiteren verpflichtend auf Form und Inhalt geprüft werden. Außerdem soll Nachhaltigkeit in die Vergütung des Vorstandes miteinfließen. (eml)