Auch systemrelevante Banken sollen künftig nicht mehr von Steuerzahlern gerettet werden, sondern von Aktionären und Gläubigern gleichermaßen. Das war eine der Konsequenzen aus der Finanzkrise – festgeschrieben in dem ab 2015 in Europa eingeführten neuen Abwicklungsregime (BRRD). Die Regeln der Gläubigerbeteiligung ("Bail-in") machen es erstmals möglich, dass – ohne ein Insolvenzverfahren – auch nichtnachrangige Fremdkapitalgeber für die Verluste einer Bank einspringen müssen.

Hohes privates Engagement
Dafür müssen die Banken ausreichend "Bail-in-fähiges" Kapital vorhalten. Der erste Gedanke mag sein, dass hauptsächlich Großinvestoren den Banken dieses Fremdkapital leihen, etwa über den Kauf von Anleihen. Doch die Statistik zeigt etwas anderes: Von dem 88 Milliarden Euro schweren österreichischen Markt an Bail-in-fähigen Papieren halten private Haushalte ein Volumen von gut 20 Milliarden Euro (nach nicht näher benannten ausländischen Investoren, die auf gut 38 Milliarden kommen). Nur rund ein Drittel des privaten Wertes ist zum Beispiel bei österreichischen Versicherungen und Pensionskassen gemeinsam platziert, Schlusslicht sind die Investmentfonds mit rund 1,7 Milliarden Euro. Das wirft die Frage auf, ob die Privatanleger überdurchschnittlich herangezogen werden, um die Sanierungs- und Abwicklungserfordernisse der Banken zu stützen.

Die Finanzmarktaufsicht FMA sieht zwar keine Unverhältnismäßigkeit, betont aber, dass sie den Markt beobachtet, wie es in einem Artikel heißt, der in der neuen Printausgabe von FONDS professionell erschienen ist. Interessant wird dabei insbesondere, wie sich der Markt im Jahr 2019 entwickelt. Denn heuer schreiben die Aufseher den Banken erstmals einen individuell bemessenen verpflichtenden Anteil vor – die oft genannten MREL-Quoten (Minimum Requirement for Own Funds and Eligible Liabilities).

171 Milliarden Euro fehlen Europaweit
Laut Angaben der FMA fehlen den Instituten Europaweit 171 Milliarden Euro, um diese MREL-Vorgaben zu erfüllen. Einen österreichischen Fehlbetrag erfährt man nicht. Aber ganz generell müssen Österreichs Banken jährlich rund 20 Milliarden Euro aus abreifenden Bail-in-fähigen Papiere durch Neuemissionen ersetzen.

Ein mögliches Problem: Banken könnten verstärkt beim Retailpublikum anklopfen. Aus Sicht der Aufsicht stellt sich nicht nur die Frage, ob diese Produkte adäquat vermittelt werden. Zu bedenken ist auch, dass zu hohe private Ausstände bei Turbulenzen nachteilig sein könnten. Denn bei einer zu hohen Kleinanleger-Beteiligung stünde die Politik erst wieder unter Druck, eine Bank zu retten.

Nach einem Prüfschwerpunkt 2017 und 2018 mussten einige Institute bereits bei Kundeninformationen, Mitarbeiterschulungen oder beim Umgang mit Interessenkonflikten nachbessern, heißt es bei der FMA. Grundsätzlich zeigt sich die Behörde aber zufrieden mit dem Umgang der Banken.

Banken betonen Awareness
Dass das Thema heikel ist, zeigt eine Rundfrage der Redaktion unter Banken, auf die viele nicht antworten wollten. Etliche Institute betonten aber eine rigide Handhabung. Die Unicredit Gruppe gibt etwa an, dass zwischen 2017 und 2019 die an Privatanleger ausgegebenen MREL-Verbindlichkeiten reduziert wurden. Die Bawag PSK wiederum hat den aktiven Vertrieb eigener Anleihen an Privatanleger 2013 überhaupt eingestellt. Aus der RLB-NÖ heißt es, dass die zusätzlichen MREL-Erfordernisse nicht über klassische Bankanleihen aufgestockt werden. In der RLB OÖ wiederum sagte ein Sprecher, dass Streuung wichtig sei, dass sich aber die Vertriebsstrategie angesichts der neuen Regeln nicht geändert hat.

Zertifikate im Blick
Ein Blick fällt aber nicht nur auf diese klassischen Bankanleihen. So haben sich etwa die Zertifikateschienen der Banken zuletzt sehr kräftig entwickelt. Die Anbieter dürften im Vorjahr 1,5 bis zwei Milliarden Euro neu emittiert haben. Und diese Zertifikate sind weitgehend Bail-in-fähig – wenngleich "in unterschiedlichem Rang", wie Frank Weingarts, Vorstandsvorsitzender des Zertifikate Forum Austria (ZFA), betont.

Laut Weingarts spielt auch bei diesen Produkten das Retail-Beratungsgeschäft am Bankschalter die größte Rolle. Im Abwicklungsfall stünde also erneut der private Anleger mit hohen Volumina im Fokus. Weingarts verweist indes auf strenge regulatorische Vorgaben und betont Mehrwerte, die Zertifikate in zinsschwachen Zeiten bieten können. Fakt ist allerdings, dass die im Ernstfall deutlich verlusttragfähigeren Private-Banking-Kunden bei Zertifikaten unterrepräsentiert sind.

Immerhin holen die Privatbank-Kunden auf. Weingarts verweist hier auf den Trend aus der Schweiz, wo Zertifikate in der professionellen Vermögensverwaltung eine wichtige Rolle spielen.  Auch in Fonds kämen die Produkte zusehends zum Einsatz. (eml)


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