OeNB-Gouverneur Robert Holzmann, der als Redner den diesjährigen FONDS professionell KONGRESS in Wien eröffnete, stellte in seinem Vortrag deutliche Änderungen in der EZB-Geldpolitik in Aussicht. Er spielte mehrfach darauf an, dass die expansive Politik der vergangenen Jahre Nebenwirkungen hat.

Produktivität in Gefahr
Man müsse davon ausgehen, dass die lockere Geldpolitik die Produktivität in den Ländern senkt, so Holzmann und verweist auf die Schumpeter'sche Theorie der "Schöpferischen Zerstörung", die einen Kreislauf annimmt, in dem schlechtere Anbieter ausscheiden und neue entstehen, die besser sind. "Die unorthodoxe Geldpolitik führt dazu, dass Kredite an Unternehmen vergeben werden, die eigentlich ausscheiden müssten", so Holzmann. Man müsse in den nächsten Jahren genau beobachten, ob man einen nach unten laufenden Zyklus sieht.

Die langfristigen Nebenwirkungen seien kaum abschätzbar, die Erforschung noch ein junges Feld in der Wissenschaft. Zwar wären sowohl Inflation als auch BIP-Wachstum ohne die Maßnahmen deutlich geringer gewesen, und angesichts der drohenden Deflation seien diese auch gerechtfertigt gewesen. "Wenn man einmal eine Deflation hat, bekommt man sie nur schwer wieder weg“, so Holzmann. Allerdings nehme man an, dass die Wirksamkeit der Maßnahmen im Laufe der Zeit abnimmt, außerdem haben die Maßnahmen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich gewirkt.

Lob für Lagarde
Es sei an der Zeit, die Maßnahmen komplett zu überdenken. Lobend hob er hier die Zielsetzung der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde hervor, die mit Beginn 2020 eine Evalulierung der bisherigen Geldpolitik eingeläutet hat. Bis Ende 2020 soll der Bericht fertig sein. "Es gibt in der EZB eine neue Form der Interaktion“, so Holzmann. Lagarde höre zu, was die anderen Ratsmitglieder sagen. "Wir werden auch in Österreich die Bevölkerung fragen“, so Holzmann.

Die Inflation im Euro-Raum werde bis 2022 laut Expertenmeinung von derzeit einem Prozent langsam auf über 1,5 Prozent ansteigen, aber unter 1,7 Prozent bleiben. Derzeit liegt die Steigerung der Verbraucherpreise bei einem Prozent. Wobei es sehr starke Unterschiede in den einzelnen EU-Ländern gibt. In Österreich wurden zuletzt zwei Prozent erreicht.

Keine Härte bei Inflationsziel
Allerdings hält Holzmann nicht viel davon, dass die EZB hier Härte zeigt und ihr im Jahr 2002/2003 ausgerufenes Inflationsziel von zwei Prozent unbedingt erreicht. "Es gibt in der EZB die Stimmen, die sagen, wir verlieren unsere Glaubwürdigkeit, wenn wir das nicht durchsetzen. Ich gehöre nicht dazu. 1,5 Prozent reichen, wenn man zwei Prozent anvisiert. Man sollte deswegen die Geldpolitik nicht mehr weiter ausdehnen“, so Holzmann, der seit September 2019 die OeNB leitet und im Rat der EZB vertreten ist.

Was die tiefen Zinsen betrifft, auf die er auch als U-Bahnfahrer von Mitpassagieren oft angesprochen werde, verwies Holzmann darauf, dass die US-Notenbank Fed mittlerweile nicht nur ein "Lower for longer" sondern auch ein "Low for ever" diskutiere.

"Früher war nicht alles besser"
Das Argument, früher sei alles besser gewesen, lasse sich im Beratungsgespräch entkräften, so Holzmann. "Die realen Zinsen – also die nominalen Zinsen abzüglich der Inflation – waren in den Jahren ab 1960 die meiste Zeit negativ“, so der OeNB-Gouverneur. Die Geldillusion, in der nur auf den Nominalzins geschaut wird, treibe sehr stark die Gefühle der Leute. Aber die alleinige Schuld der EZB zu geben, sei nicht richtig.

Auch zeigte er sich auf einer Linie mit EZB-Chefin Lagarde, die kürzlich in den Raum gestellt hatte, dass die EZB-Maßnahmen irgendwann ein Ende erreicht haben. Damit machte sie nicht nur einen Unterschied zu ihrem Vorgänger Mario Draghi. Sie nahm auch die Staaten direkt in die Pflicht. Holzmann sieht das ebenso: "Es kann nicht nur die EZB Maßnahmen ergreifen, da muss in Zukunft auch die Investitionsgestaltung eine andere sein“, sagt er.

Pabst: Auf Kunden zugehen
Der ebenfalls auf dem Podium anwesende Fidelity-Österreich-Chef Christian Pabst rief die Berater angesichts der schwierigen Situation dazu auf, direkt auf die Kunden zuzugehen. "Die Kunden müssen die Komfortzone in Zukunft verlassen. Man darf sich als Berater gerade in schwierigen Zeiten nicht verstecken, sondern muss das als Anlass nehmen, die Leute zu unterstützen“, sagte er. (eml)