Gold-Fans wissen: Sinken die Zinsen, klettert der Goldpreis. Bei auskömmlichen Zinsen legen vorsichtige Anleger nämlich ihr Geld lieber aufs Sparkonto. Wirft das Ersparte dort nichts ab, greifen sie hingegen gern zu Gold. Anders ausgedrückt: Je niedriger die Zinsen, desto eher tritt der bei Gold und anderen Edelmetallen "eingebaute" Nachteil, während der Haltedauer keine regelmäßigen Erträge wie Kupons oder Dividenden abzuwerfen, in den Hintergrund.

Der kanadische Ökonom Campbell Harvey weckt nun Zweifel an diesem vermeintlich glasklaren Zusammenhang. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat er eine Studie veröffentlicht, in der er zu dem Ergebnis kommt, dass es sich bei der augenscheinlichen Korrelation zwischen Zinsen und Goldpreis um einen statistischen Fehlschluss handeln könnte. Wie das "Handelsblatt" berichtet, schrieb Harvey bereits in einer Studie aus dem Jahr 2013: "Alternativ könnte es sein, dass sowohl niedrige Realzinsen als auch hohe Goldpreise durch den gleichen, nicht messbaren Grund ausgelöst werden, beispielsweise der Angst vor einer Hyperinflation."

Ist es die Angst vor einer überschießenden Teuerung, die den Goldpreis treibt, droht eine Korrektur, sobald die Inflationserwartungen am Markt sinken. Genau das ist laut Harvey nach zwei Goldpreis-Rallys in den Jahren 1980 und 2011 geschehen. Die Inflationssorgen erwiesen sich als übertrieben, Gold trat in einen Bärenmarkt ein. Um ihre These zu belegen, haben die Wissenschaftler rund um den kanadischen Ökonomen, der unter anderem am National Bureau of Economic Research (NBER) forscht, die US-Inflationsrate aus dem Goldpreis herausgerechnet. Der so bereinigte Preis dürfte eigentlich kaum schwanken, denn Gold soll ja gerade vor Inflation schützen. Es zeigte sich allerdings, dass der reale Goldpreis fast ebenso heftigen Schwankungen unterliegt wie der nominale. Das Fazit der Forscher: Zumindest auf Sicht von fünf bis zehn Jahre sei das Edelmetall kein geeigneter Schutz vor steigenden Preisen. Auf längere Sicht tendiere der Goldpreis zu seinem historischen Mittel, das deutlich unter dem Niveau von 700 US-Dollar je Feinunze liege.

Investmentprofis melden Zweifel an
Vom "Handelsblatt" befragte Anlageexperten überzeugt die Argumentation von Harvey und Kollegen nicht. "2020 hat die beste Erklärung dafür geliefert, was die Goldpreise wirklich beeinflusst", zitiert die Wirtschaftszeitung Jan van Eck, Chef des US-Vermögensverwalters Van Eck. Er teilt zwar Harveys Einschätzung, dass das Edelmetall kein perfekter Inflationsschutz ist. Zugleich weist er aber darauf hin, dass die Zinsen in der Coronakrise gesunken sind, die Inflationsrate stabil blieb – und der Goldpreis durch die Decke ging.

"Als Gold-Anleger würde ich immer die Realzinsen im Blick behalten. Sie sind der wichtigste Grund für die Gold-Rally", sagt van Eck. Das größte Risiko für den aktuellen Aufwärtstrend sieht er aufseiten der Notenbanken: "Steigende Zinsen könnten dem Gold-Bullenmarkt den Garaus machen", warnt er. Zinsanhebungen sind aber momentan nicht in Sicht. (fp)