Es gibt in der Welt viele Währungen, die gleich oder ähnlich sind. Es gibt aber nur eine, die – im Sinne von George Or­well's Animal Farm – gleicher ist als alle anderen. Das ist der US-Dollar. Er ist nach wie vor die unbestrittene Reser­vewährung. artin Hüfner führt dazu aus: "Lange Zeit waren wir froh, einen solchen Anker des Währungssystems zu haben. Inzwischen haben wir er­fahren, dass das auch mit Abhängigkeiten verbunden ist, die nicht immer angenehm sind. Ein Multiwährungssystem mit zwei oder mehreren Währungen nebeneinander er­scheint vielen besser."

Könnte der Euro in eine Rolle als "Nummer 2" hinter dem Dollar hineinwachsen?
Als die Gemeinschaftswährung gegründet wurde, gab es in der Tat entsprechende Hoffnungen. In den ersten neun Jah­ren stieg der Anteil des Euros an den Weltwährungsreser­ven trotz der vielfältigen Zweifel, die der neuen Währung damals entgegenschlugen, von 18 auf 28 Prozent. Damit hatte niemand gerechnet. Dann aber kamen die Schwierigkeiten. Der Euro verlor an Marktanteil. Hüfner dazu: "Bis Anfang vorigen Jahres verringerte er sich wieder bis fast auf das ursprüngliche Ni­veau. Dabei spielten viele Dinge eine Rolle, vor allem natür­lich die Große Finanzkrise 2008 sowie die folgende Eurokri­se. Der US-Dollar erwies sich als der sichere Hafen, in dem die Zentralbanken der Welt ihre Reserven am besten auf­gehoben fühlten. Auf die amerikanische Währung entfallen derzeit immer noch über 60 Prozent der globalen Währungs­reserven.

Der Euro ist, ganz vorsichtig noch, wieder im Aufwind, wie die folgende Grafik zeigt. Sein Anteil an den Weltwährungsreserven hat sich in den letzten zwei Jahren um einen Prozentpunkt erhöht. Das ist historisch gesehen zwar immer noch wenig, aber eine Trendumkehr. 

Mehr Euros in der Welt?
Anteil des Euros an den globalen Währungsreserven

Quelle: EZB

Russland beispielsweise hat nach Angaben der EZB voriges Jahr US-Dollar-Reserven in Höhe von 90 Milliarden US-Dollar verkauft und dafür Euros erworben. China tat dasselbe mit einem Betrag von 60 Milliarden US-Dollar.

Überraschende Trendwende
Denn gesamtwirtschaftlich sieht es für die Gemeinschaftswährung gar nicht gut aus. Das Wachstum ist schwach, halb so groß wie das der USA, die Inflation ist zu niedrig. Die Geldpolitik wird weiter gelockert. Bei negativen Zinsen von minus 0,4 Prozent - und demnächst vielleicht noch weniger - sei eine Anlage in der Gemein­schaftswährung alles andere als attraktiv, konstatiert Hüfner. Gegenüber dem US-Dollar habe sich der Euro in den letzten eineinhalb Jahren um acht Prozent abgewertet. Das müsste die Zentralbanken vom Euro eigentlich ab­schrecken. Andererseits sei es nicht ungewöhnlich, dass sich der Devisenmarkt anders entwickle. Es liege daran, dass an beiden Märkten sehr verschiedene Akteure tätig seien. "An den Devisenmärkten stehen kürzerfristige Rendite­überlegungen im Mittelpunkt,  Zentralbanken denken dage­gen längerfristiger und strategischer. Sie sind an Sicherheit und jederzeitiger Liquidisierbarkeit interessiert, manchmal spielen hier auch politische Dinge eine Rolle", weiß der Chefökonom.

Drei Gründe bewe­gen Zentralbanken zur Aufstockung des Euro
Zum einen hat sich die Gemeinschaftswährung in den letzten Jahren innerlich gefestigt. Hüfner: "Es gab zwar nicht die gro­ßen Reformen, wie sie etwa der französische Staatspräsi­dent im Sinn hatte. Es wurde aber eine Reihe von kleinen, stetigen Fortschritten erzielt, etwa bei der Bildung der Ban­ken- und Kapitalmarktunion. Irland, Portugal und Spanien haben die Anpassungsprogramme der Gemeinschaft erfol­greich abgeschlossen. Griechenland kann sich wieder an den Märkten refinanzieren. In Italien gibt es zwar neue Pro­bleme. Die Regierung in Rom scheint aber so wie es aus­sieht gewillt, diese nicht eskalieren zu lassen. Es ist klar, dass sich all das positiv auf die Bereitschaft der Zentralban­ken auswirkt, Geld in Euro anzulegen."

Gestiegenes Selbstbewusstsein der Europäer
Dieses stellt den zweiten Grund dar. Der Europäische Rat hat sich Ende letzten Jahres ausdrücklich dazu bekannt, die internationale Rolle des Euros stärken zu wollen. Die EZB habe sich in ihrem letzten Bericht über die internationale Rolle des Euros deutlich von der neutralen Haltung distanziert, die die EZB ursprünglich gegenüber einer Nutzung des Euros auf internationaler Ebene eingenommen hatte, weiß Hüfner. Internationale Gelder seien in der Währungsunion willkommen, das gefalle natürlich den Anlegern. Dies vor allem auch deshalb, weil sie sähen, dass der Zu­fluss von Auslandsgeldern auch im Interesse der Europäer selbst liege. "Die EZB betont, dass die Wirkung ihrer Geldpo­litik steigt, wenn der Euro eine größere globale Rolle spielt. Sie zieht hier Vergleiche mit der Federal Reserve, deren Geldpolitik vor allem für die Schwellen- und Entwicklungsländer so wichtig ist. Sie erklärt ferner, dass sie bei einer größeren Rolle des Euros weniger von internationalen Entwicklungen abhängig ist. Ihre geldpolitische Autonomie steigt. Auch von Wechselkurseffekten ist sie weniger betroffen, wenn ein größerer Teil des Handels in Euro fakturiert wird", so Hüfner weiter-

USA hat in letzter Zeit an Attrak­tivität verloren
Das stellt den dritten Grund dar. Die USA haben zwar einen größeren Kapi­talmarkt und bieten derzeit einen höheren Zins, und von der weltweiten konjunkturellen Abschwächung sind sie kaum betroffen. Andererseits schreckt die erratische Politik von Präsident Trump. "Wem man in Sachen Handelspolitik nicht trauen kann, bei dem legt man natürlich auch nicht so gern sein Geld an", analysiert der Ökonom.

Was bedeutet das für den Investor?
"Richten Sie sich darauf ein, dass der Euro internationaler werden wird", so Hüfner. "Das bringt mehr Kapitalzuflüsse und kommt damit den Kapitalmärkten zugute, vor allem den Renten­märkten. Wer sein Geld im Ausland anlegen will, muss allerdings die Wechselkursrisiken bedenken. Der US-Dollar ist zwar nach wie vor fest, und es gibt viele Dollar-Bullen am Markt. Ich würde mich aber wundern, wenn das auf Dauer so bleibt, nicht zuletzt, weil der amerikanische Präsident den Dollar lieber etwas schwächer sieht." (kb)