Die jahrelangen Deflationsängste haben sich in den vergangenen Monaten in Inflationsängste gewandelt: Staaten navigieren mit expansiver Haushaltspolitik durch die Corona-Pandemie und die Zentralbanken stehen mit unterstützender Geldpolitik zur Seite. Gepaart mit einer erwarteten starken Erholung der Wirtschaft dürfte die Teuerung mittelfristig in manchen Märkten deutlich über das Notenbankziel von zwei Prozent steigen. Der Anstieg von Staatsanleihenrenditen in den vergangenen Wochen hat diese zunehmende Sorge widergespiegelt. Unicredit-Bank-Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer sieht in Österreich und Europa aber kaum Anhaltspunkte für ein langfristig überbordendes Anziehen der Preise.

Inflation nur durch Rohstoffe und Energie getrieben
Er sieht maßgebliche Argumente "für eine relativ entspannte Sicht trotz der jüngsten Beschleunigung": So sind die Kapazitäten der österreichische Wirtschaft nach dem Einbruch noch weit nicht ausgelastet. Gleichzeitig bleibt die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau, die Lohndynamik in den kommenden beiden Jahren werde dementsprechend gering sein. Das wiederum spricht gegen eine zu starke Konsumnachfrage; der Preisdruck nach oben bleibt also gering. Eine Lohn-Preis-Spirale sie nicht in Sicht. "Die Inflation hat abseits von externen Preiseinflüssen wie Rohstoffpreisen daher kaum Aufwärtspotenzial", so Bruckbauer. Die Kerninflationsrate ohne Preise für Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel werde ausgehend von aktuell 1,3 Prozent nur sehr moderat bis zum Jahresende ansteigen.

Berechnet man Rohstoffe und Energie ein, dürfte die Inflation von 1,4 Prozent im Jahr 2020 im Jahresdurchschnitt 2021 auf 2,2 Prozent steigen – teils sogar auf über 2,5 Prozent im späteren Jahresverlauf, so Bruckbauer. Natürlich sind hier Basiseffekte zu bedenken, nachdem im Vorjahr vielfach die Preise verfallen waren. 2022 erwartet Bruckbauer bereits wieder einen Rückgang der Inflation in Österreich auf zwei Prozent. Die Industrie werde die (angesichts höherer Rohstoffpreise) bereits stark angezogenen Einkaufspreise teilweise auf die Verbraucherpreise überwälzen. Allerdings aufgrund des starken Wettbewerbs voraussichtlich in überschaubarem Ausmaß.

Ausweitung der EZB-Geldbasis keine Gefahr
Nach Einschätzung von Bruckbauer werde auch das Inflationsrisiko durch die unterstützende EZB-Geldpolitik überschätzt. "Durch die massiven Anleihekäufe wurde die Geldbasis im Euroraum zwar deutlich erhöht, die Geldmenge jedoch bei weitem nicht im selben Ausmaß", so Bruckbauer. Für eine höhere Inflation sei eine stärkere Kreditnachfrage für Konsum und Investitionen nötig. Und ein solcher Nachfrageschub würde wiederum eine stärkere Erholung der Realwirtschaft voraussetzen. Solang die reale Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen das Angebot nicht nachhaltig übersteigt, bleiben Inflationsgefahren gering.

Mittelfristig hätten sich zuletzt die Inflationserwartungen des Finanzmarktes vor allem für die USA erhöht. Für den Euroraum gehe der Finanzmarkt hingegen nur von einer Inflation im Durchschnitt der nächsten zehn Jahre von rund einem Prozent aus, die EZB für 2023 von 1,4 Prozent und die von der EZB befragten Experten mittelfristig von 1,7 Prozent. Ein Inflationsdruck deutlich über zwei Prozent werde mittelfristig somit nicht erwartet. (eml)