Das letzte Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB) steht Mitte Dezember an. Beobachter blicken nun gespannt Richtung Frankfurt, um zu sehen, ob die Zentralbank ihre Inflationsprognosen für das Jahr 2022 anpassen wird. Bislang hält die EZB an der Annahme fest, dass die Verbraucherpreise im kommenden Jahr nur noch um 1,7 Prozent steigen werden und im Folgejahr um 1,5 Prozent. 

Diese Prognose hält Jan Viebig, Chefanlagestratege bei Oddo BHF, nicht mehr realitätsnah: "Eine hohe Nachfrage trifft auf ein begrenztes Angebot, die Preise steigen", erklärt er. "Der Druck auf die EZB nimmt zu, die Inflationsprognosen anzupassen angesichts des Nachfragesogs und des Kostendrucks in der Wirtschaft."

Steigende Energiepreise, bleibende Halbleiterknappheit
Die EZB hält weiterhin daran fest, die derzeitige Inflationsrate von vier Prozent sei vorübergehend. Sie begründet diese Annahme damit, dass die Teuerung von einmaligen Faktoren abhängt, wie etwa Lieferengpässen. Langfristig sieht die Notenbank aber eher eine disinflationäre Tendenz. Oddo-BHF-Stratege Viebig sieht das anders. "So eindeutig ist die Sache vermutlich nicht mehr. Der Preisschub bei Haushaltsenergie beispielsweise arbeitet sich nur langsam bis zum Verbraucher vor." Auch gebe es keine Anzeichen dafür, dass die Halbleiter-Knappheit bald überwunden sei.

Entscheidend für die Inflationsrate wird auch die Lohnentwicklung sein. Doch eine moderate Entwicklung der Löhne allein dürfte die EZB-Prognosen noch nicht bestätigen. "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Inflationsraten im Euroraum im nächsten Jahr vermutlich sinken werden, dass der Rückgang aber geringer ausfallen könnte als von der EZB erhofft", lautet das Fazit des Vermögensprofis. Entsprechend schätzt er das Risiko als hoch ein, dass die EZB ihre Inflationserwartungen nach oben anpassen muss. (fp)