Die Erwartungen der Marktteilnehmer auf beiden Seiten des Atlantiks deuten auf eine aggressivere Notenbankpolitik hin. Das verdeutlichen die zuletzt deutlich gestiegenen Renditen für Staatsanleihen in Europa und den USA. Demnach müsste der Zinserhöhungszyklus bereits Ende 2022 beginnen. Doch dieses Postulat steht in krassem Widerspruch zu den Aussagen der Europäischen Zentralbank (EZB), dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine Zinserhöhung geben wird. "Mit anderen Worten: Die EZB muss auf ihrer nächsten Sitzung die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Zusagen verteidigen", sagt dazu Gergely Majoros, Mitglied des Anlageausschusses beim Vermögensverwalter Carmignac.

Der Experte hat sogleich einen Ratschlag für die Notenbank parat: Damit sich die finanziellen Bedingungen in den kommenden Monaten, nach dem geplanten Ende des Pandemie-Kaufprogramms (PEPP) im März 2022, nicht verschlechtern, müsse die EZB das derzeitige PEPP "durch ein kleineres und zeitlich begrenztes 'Post-Pandemie-Programm' ersetzen". Majoros erwartet, dass in einem solchen Szenario der Übergang für die Zinsmärkte wesentlich reibungsloser verlaufen dürfte. "Gleichzeitig würde ein neues, zeitlich befristetes Programm der EZB mehr Flexibilität bieten, um ihre Ziele zu erreichen", so Majoros. 

Ein festverzinsliches Dilemma
Fixed-Income-Anlegern rät der Carmignac-Experte zur Vorsicht. Sollte der Inflationszyklus in den USA unterschätzt werden, könnte das zu einer härteren geldpolitischen Haltung führen. Gleichzeitig könnte sich die EZB am 28. Oktober für eine lockere Geldpolitik entscheiden und sogar den Beginn ihrer Zinserhöhungen auf Anfang 2023 verschieben. "Dies würde die europäischen Anleiherenditen wahrscheinlich zumindest vorübergehend wieder nach unten treiben", sagt Majoros. (fp)