Das sogenannte Cost-Averaging – auch als Durchschnittskostenmethode bezeichnet – wird von Beratern gerne als Idealform des Geldanlegens für Otto Normalverbraucher gepriesen. Dank dieses Effektes werden Rücksetzer an den Kapitalmärkten in der mittleren Frist ausgeglichen, weil Plansparer bei fixen Raten zu niedrigeren Kursen automatisch zum Beispiel mehr Fondsanteile erwerben – die im nachfolgenden Aufschwung wie ein Performancehebel wirken. So weit, so theoretisch. Die Praxis aber sieht anders aus. Das US-Analysehaus Morningstar verblüfft mit der Erkenntnis, dass sich hinter dem Durchschnittskosteneffekt eine Art Mythos verbirgt.

Einmalanlagen seien dem ratierlichen Investieren in aller Regel überlegen, was den erzielbaren Schlussertrag angehe. "Das sprichwörtliche Investment am Vorabend des Platzens der Tech-Blase im März 2000 unterstreicht den vermeintlichen Vorteil des Cost-Averaging", erklärt Morningstar-Chefredakteuer Ali Masarwah. Doch in Wirklichkeit mache der Durchschnittskosten-Effekt Anleger weder reicher, noch lasse er sie ruhiger schlafen.

"All in"-Investments: Je länger, desto besser
Die Morningstar-Analysten Maciej Kowara and Paul Kaplan sind der Frage nach der Überlegenheit des Cost-Averaging in einer Studie über einen Zeitraum von Januar 1926 bis August 2019 auf den Grund gegangen und haben untersucht, wie sich Einmalanlagen im Vergleich zu Sparplänen am US-Aktienmarkt geschlagen haben. Für den genannten Langfristzeitraum wurden Sparpläne über alle verfügbaren rollierenden Perioden zwischen zwei und 120 Monaten entsprechenden Einmalinvestments gegenübergestellt. "So existieren 1.115 Zehn-Monats Perioden in diesem Zeitraum", erklärt Masarwah.

Jedem dieser Zehnmonats-Sparplan-Intervalle wurde eine entsprechende Einmalanlage gegenübergestellt – mit eindeutigem Resultat: In 72,2 Prozent der Fälle erwies sich die Rendite von Einmalanlagen der Rendite der Sparpläne als überlegen, und nicht etwa umgekehrt. Noch verblüffender: Je länger der Zeithorizont, desto besser schlugen sich die Einmalanlagen. "Bei den 120-Monatsperioden waren Sparpläne sogar in weniger als zehn Prozent der Fälle einer Einmalanlage überlegen", fasst Masarwah zusammen.

Und was ist mit der Risiko-Seite? Auch hier gießen die Morningstar-Experten Wasser in den Wein von Sparplan-Fans. Einmalanlagen weisen auch mit Blick auf die erwartete Schwankungsintensität günstigere Eigenschaften auf als ein scheibchenweiser Einstieg in den Markt, so deren Erkenntnis. Unter Hinzuziehung des internen Zinsfußes (IRR) – dem einzig sinnvollen Vergleich einer voll-investierten Strategie mit einem ratierlichen Einstieg – habe sich gezeigt, dass die Volatilität einer Einmalanlage in der Vergangenheit geringer war als die eines Sparplans. Während die Standardabweichung der Einmalanlagen im Schnitt bei 6,1 Prozent liege, belief sie sich bei Sparplänen auf 6,84 Prozent.

Entzauberung vermeintlicher Vertriebswaffe relativ einfach zu erklären
Dass es mit der Überlegenheit des Ratensparens gegenüber dem Einmalinvestment zumindest aus statistischer Sicht nicht weit her ist, überrascht Morningstar-Fachmann Masarwah nicht: "Die Entzauberung der vermeintlichen Vertriebswaffe ist einfach zu erklären: Am Kapitalmarkt investiert nur, wer davon ausgeht, dass die Kurse langfristig steigen. Und gerade unter diesem Szenario ist die Einmalanlage dem Cost-Averaging systematisch überlegen, da ab dem Anfangszeitpunkt die Kurse steigen und nur wer voll investiert ist am nachfolgenden Aufschwung vollumfänglich partizipiert. Wer sein Pulver trocken hält, winkt den enteilenden Kursen gewissermaßen hinterher."

Auf die Unterlegenheit der Sparplanstrategie hatte vor kurzem auch das Multi Family Office HQ-Trust hingewiesen (FONDS professionell ONLINE berichtete). Marcel Müller, Leiter des dortigen Portfoliomanagements, hatte für seine Analyse den Weltaktienindex MSCI World verwendet und für den Zeitraum von Dezember 1969 bis Februar 2019 monatsweise dessen Performance über die jeweils nachfolgenden Zehn-Jahres-Intervalle gemessen. Dabei standen jeweils zwei Alternativen zur Wahl: Entweder wurde ein zur Verfügung stehender Betrag gleich zu Beginn auf einen Schlag angelegt oder über mehrere Monate gestreckt (bis zu fünf Jahren) investiert, wie bei einem Sparplan. Dabei galt: Teilbeträge, die noch nicht investiert waren, wurden nicht verzinst.

Auch das Ergebnis von HQ-Trust spricht für sich: "Je länger der Zeitraum ist, auf den man sein Investment verteilt, desto schlechter ist die Rendite im Mittel", stellte Müller fest. Im Durchschnitt hätten Investoren bei einer Haltedauer von zehn Jahren seit 1969 mit einer Einmalanlage eine jährliche Rendite von 8,7 Prozent erzielt. Bei einer Verteilung über 60 Monate (also fünf Jahre) lag die Performance im Mittel bei lediglich bei 7,1 Prozent p.a., also um stattliche 1,6 Prozentpunkte niedriger.

Trotz allem: Sparplan ist häufig die praktikablere Lösung
Dennoch habe die Sparplan-Idee ihre Berechtigung, findet Masarwah. Was mathematisch geboten ist, sei für die meisten Privatanleger eben schlicht nicht umsetzbar. Anleger seien bekanntermaßen risikoscheu und wollten daher oft nicht alles auf eine Karte setzen – schon gar nicht zu Beginn ihrer Karriere als Investor. "Im Zweifel entscheiden sich Anleger entweder ganz gegen ein Investment, oder aber sie steigen vorzeitig – zumeist zur Unzeit – aus ihrem Investment aus." Hier könnte ein Sparplan disziplinierend wirken und obendrein dabei helfen, die gerade zu Anfang häufig alles überlagernde Frage nach dem optimalen Einstiegszeitpunkt in den Hintergrund zu stellen. "Wenn eine Einmalanlage psychologisch nicht machbar erscheint, sollte der Anleger das zu investierende Geld zumindest in möglichst schneller Zeit am Markt unterbringen", rät Masarwah. Zwölf Einzahlungen zu je 500 Euro wären also 120 Einzahlungen zu je 50 Euro vorzuziehen. 

Hinzu kommt: Die meisten Renditesucher haben leider keinen dicken Batzen Geld auf dem Konto, sodass sie keine andere Wahl haben, als einen Sparplan anzulegen. "Solche Anleger machen mit einem Sparplan alles richtig und sollten unsere mathematischen Spielereien zur Kenntnis nehmen, aber sich nicht beirren lassen und weiter, Stück für Stück, ihren finanziellen Zielen entgegenstreben", schlussfolgert der Morningstar-Experte. (hh/ps)