Morningstar: Warum der US-Aktienmarkt nur scheinbar günstig ist
Nach den jüngsten Kursverlusten hält Morningstar US-Wachstumsaktien wieder für attraktiver als Value-Titel. Steigende Zinsen, hartnäckige Inflation und die Abhängigkeit vom KI-Boom mahnen jedoch zur Vorsicht.
Der US-Aktienmarkt erscheint laut Morningstar insgesamt günstig bewertet. Doch der Abschlag gegenüber dem geschätzten fairen Wert konzentriert sich fast vollständig auf wenige Mega-Caps. Zugleich nehmen die konjunkturellen Risiken zu.
US-Aktien notieren nach Berechnungen von Morningstar rund neun Prozent unter ihrem fairen Wert. Dieser vermeintlich attraktive Bewertungsabschlag ist allerdings äußerst ungleich verteilt: Ohne lediglich sieben große Aktien wäre der übrige Markt im Durchschnitt fair bewertet.
Zu dieser Gruppe zählen Nvidia, Alphabet, Broadcom, Microsoft, Meta Platforms, Amazon und Tesla. Morningstars Einschätzung ihres fairen Werts hängt zumindest teilweise davon ab, dass der Ausbau künstlicher Intelligenz (KI) weiter voranschreitet und die Technologie den erwarteten wirtschaftlichen Nutzen erzeugt.
Grundlage der Analyse sind die fundamentalen Bewertungen der im Morningstar US Market Index enthaltenen und vom Analysehaus beobachteten Unternehmen zum 31. August 2026.
Anleger werden bei KI-Schwergewichten skeptischer
Mit Ausnahme von Microsoft, dessen Kurs sich von einem einjährigen Abwärtstrend erholt hat, verloren die sieben Aktien seit Anfang Juni an Boden. Nach Einschätzung von Morningstar räumt der Markt den Unternehmen inzwischen weniger Vorschusslorbeeren für ihre künftigen Wachstumsraten ein.
Zwar hätten die Konzerne für 2027 und teilweise auch für 2028 weiterhin ein starkes Wachstum in Aussicht gestellt. Anleger bewerteten die längerfristigen Perspektiven für die kommenden drei bis fünf Jahre jedoch zurückhaltender.
Auch bei anderen zuvor stark gestiegenen Technologie- und Hardwarewerten habe sich die Dynamik gedreht. Morningstar hält einzelne Titel wie Sandisk und Ciena trotz ihrer Kursverluste weiterhin für deutlich überbewertet. Zusätzlichen Abwärtsdruck könnten kreditfinanzierte Investments erzeugen: Kursverluste könnten Nachschussforderungen und damit weitere erzwungene Verkäufe auslösen.
Wirtschaftliches Umfeld wird schwieriger
Morningstar-US-Chefstratege David Sekera sieht mehrere Belastungsfaktoren für den Aktienmarkt. Dazu zählen steigende langfristige Zinsen, erwartete Zinserhöhungen der US-Notenbank und ein anhaltender Inflationsdruck infolge höherer Ölpreise.
Zudem werde das US-Wachstum stark von den hohen Investitionen in den Ausbau der KI-Infrastruktur und deren wirtschaftlichen Folgewirkungen getragen. Gleichzeitig stagniere die Konjunktur in Europa weitgehend, während die chinesische Wirtschaft schwächer sein könnte als ausgewiesen. Als zusätzliches Risiko nennt Morningstar steigende Renditen japanischer Staatsanleihen in Verbindung mit einem schwächeren Yen.
Wachstumsaktien wieder attraktiver
Die jüngsten Kursbewegungen haben die Bewertung der verschiedenen Anlagestile deutlich verändert. Der Morningstar US Value Index legte seit Quartalsbeginn um 7,3 Prozent zu, während der US Growth Index 4,1 Prozent verlor.
Durch die Kursverluste und höhere Fair-Value-Schätzungen für einzelne KI-Technologieführer weisen Wachstumsaktien inzwischen einen Abschlag von 17 Prozent gegenüber Morningstars Bewertungen auf. Core-Aktien notieren acht Prozent unter ihrem fairen Wert, während Value-Aktien diesen im Durchschnitt erreicht haben.
Morningstar empfiehlt daher, Wachstumswerte über- und Value-Aktien unterzugewichten. Core-Werte sollten neutral gewichtet werden. Nach Unternehmensgröße spricht sich das Analysehaus für eine Übergewichtung großer und kleiner Unternehmen sowie eine Untergewichtung mittelgroßer Titel aus.
Große Bewertungsunterschiede zwischen den Sektoren
Bei den Branchen sieht Morningstar vor allem im Kommunikations- und Technologiesektor Möglichkeiten durch die Bewertung. Meta Platforms notiert demnach 32 Prozent und Alphabet 23 Prozent unter dem jeweils geschätzten fairen Wert.
Im Technologiesektor bevorzugt Morningstar langfristig Unternehmen, die bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz führend sind. Von überbewerteten, stärker standardisierten Hardwareanbietern sollten Anleger dagegen Abstand halten. Der Energiesektor notiert nach einem Anstieg um fast 20 Prozent seit Quartalsbeginn inzwischen acht Prozent über seinem fairen Wert. (mb)















