Morningstar Sustainalytics stellt sein ausgelagertes Stewardship-Geschäft zum 30. November ein. Der ESG-Daten- und Ratinganbieter zieht sich damit aus einem Geschäftsfeld zurück, das Unternehmensdialoge, normenbasiertes Engagement und thematische Programme etwa zu Klimawandel oder Kinderarbeit umfasste. Das berichtet das Fachportal Responsible Investor.

Demnach hat Morningstar die Entscheidung auf Nachfrage bestätigt, eine eigene Veröffentlichung des Ratinghauses gab es dazu nicht. Der Konzern wolle sich auf Geschäftsfelder konzentrieren, in denen er für Investoren den größten Mehrwert schaffe, hieß es von Morningstar, namentlich ESG- und Klimaratings, Research, Daten und Insights. Zugleich versprach das Unternehmen einen geordneten Übergang für Kunden und Beschäftigte.

Strategische Fokussierung
Kunden sollen bis zur vollständigen Abwicklung Zugriff auf stewardshipbezogene Daten behalten. Nach Angaben von Responsible Investor hat Morningstar zudem in einer Kundenmitteilung betont, die Schließung sei keine Folge unzureichender Leistung des Teams oder eines mangelnden Kundennutzens. Vielmehr handele es sich um eine strategische Fokussierung auf die Kernstärken der Sustainalytics-Plattform.

Der Rückzug betrifft eine Einheit mit mehr als 100 Kunden und 4,2 Billionen Euro Assets under Engagement. Mehr als 35 Mitarbeitende in 14 Morningstar-Büros und mit 23 Arbeitssprachen waren für das Angebot tätig. Sustainalytics hatte die zugrundeliegende Engagement-Kompetenz durch die Übernahme des schwedischen Spezialisten GES International im Jahr 2019 ausgebaut.

Wettbewerb in den Startlöchern
Zu den wahrscheinlichsten Profiteuren zählen spezialisierte Stewardship- und Engagement-Anbieter wie EOS at Federated Hermes, Columbia Threadneedle mit seinem Reo-Service sowie Robeco Active Ownership, ISS STOXX und Minerva. Sie können bei betroffenen Asset Ownern und Vermögensverwaltern auf Ersatzmandate hoffen, insbesondere dort, wo laufende Unternehmensdialoge, Voting-Prozesse und dokumentierte Eskalationspfade kurzfristig fortgesetzt werden müssen.

Einen offensiven Kommentar zu der Entscheidung veröffentlichte Sarah Wilson, Gründerin des unabhängigen Proxy-Voting- und Stewardship-Anbieters Minerva Analytics. Der Morningstar-Schritt werde viele Marktteilnehmer hart treffen, schrieb sie in einem Linkedin-Post, und verwies auf die über zwei Jahrzehnte aufgebaute GES-Engagement-Expertise in Stockholm und Amsterdam, die, langfristig und evidenzbasiert, für die meisten Investoren intern kaum zu leisten gewesen sei.

Verlagerung, aber keine Schrumpfung
Zugleich widersprach Wilson darin einem Narrativ des europäischen Stewardship-Rückzugs: Regulatorische Erwartungen über SRD II, CSRD und Stewardship Codes stiegen, der Markt schrumpfe nicht, sondern verlagere sich. Als Wettbewerberin ist Wilsons Analyse interessengeleitet, sie macht aber sichtbar, worum der Wettbewerb nun gehen wird: nicht nur um neue Mandate, sondern um den Erhalt laufender Engagement-Fälle und ihrer Datenhistorie.

Für Morningstar ist es bereits die zweite Einstellung eines Geschäftsbereichs bei Sustainalytics in diesem Jahr. Im Januar hatte das Unternehmen den Rückzug aus dem Geschäft mit Second-Party-Opinions angekündigt und dies mit begrenzter Skalierbarkeit begründet. Sustainalytics-Präsident David Pagliaro verwies damals auf strategische Prioritäten und ein "Right to win" bei ESG- und Klimaresearch, Ratings sowie grundlegenden Daten. (hh)