Die Bilder, die die Welt vergangene Woche erreichten, erinnern Edgar Walk an Bürgerkriegs-ähnliche Zustände: Anhänger von Donald Trump hatten während einer Sitzung des US-Kongresses zur Bestätigung des Präsidentschaftswahlergebnisses das Kapitol in Washington gestürmt. Zahlreiche Politiker mussten in Sicherheit gebracht werden, die Polizei setzte Tränengas und Pfefferspray ein. Walk, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Metzler Asset Management, zieht geschichtliche Parallelen: "In der langen Geschichte des römischen Reichs gab es immer wieder Spaltungen innerhalb der Gesellschaft und Bürgerkriege. Manche Historiker sehen den Grund darin, dass in den Phasen vor den sozialen Unruhen die Verteilung der Einkommen sehr ungleich geworden war", sagt Walk.

Der neuen US-Administration unter Präsident Joe Biden komme somit die Aufgabe zu, das Land wieder zu einen und für eine gerechtere Verteilung der Einkommen zu sorgen. Die spätrömischen Zustände zu beheben, dürfte nach Ansicht von Walk nur mit Hilfe höherer Sozialausgaben und höheren Ausgaben für Bildung und Infrastruktur gelingen. "Sollte es nicht möglich sein, die höheren Staatsausgaben zumindest teilweise mit höheren Steuern gegen zu finanzieren, droht perspektivisch eine merklich steigende Inflation in den USA – auch ein spätrömisches Phänomen", sagt der Vermögensexperte. Die Steuerpolitik werde also über die mittelfristige Stabilität der amerikanischen Gesellschaft entscheiden.

Dollar in Gefahr
Schneller steigende Staatsschulden als bei den Handelspartnern könnten auch für einen fallenden US-Dollar sorgen. "Der Wahlsieg der Demokraten in Georgia und das Erreichen einer Mehrheit im Senat bedeuten, dass die Staatsschulden in den USA in diesem Jahr noch um zusätzliche 750 Milliarden US-Dollar steigen könnten", sagt Walk.  Die Auswirkungen für den Dollar würden sich jedoch erst im kommenden Jahr zeigen. (fp)