Die Börsen haben am Mittwochmorgen mit einem Schulterzucken auf die Ablehnung des Brexit-Vorschlags im britischen Parlament reagiert. Der marktbreite europäische Index Stoxx 600 bewegte sich kaum. Der Euro Stoxx 50, der britische FTSE 100 und der deutsche Dax 30 starteten sogar leicht im Plus, gaben ihre Gewinne aber schnell wieder ab.

Premierministerin Theresa May war am Dienstagabend mit der von ihr ausgehandelten Übergangslösung, wie der auf den 29. März terminierte Austritt Großbritanniens aus der EU ablaufen soll, krachend gescheitert: Nur 202 Abgeordnete stimmten für die Vereinbarung, 432 dagegen. Eine derart hohe Niederlage im Parlament hatte die britische Regierung seit den 1920er Jahren nicht einstecken müssen. "Auch wenn die Abstimmungsniederlage nicht unerwartet kommt, erhöht sie die Unsicherheit an den Märkten", sagt Pieter Jansen, Seniorstratege Multi-Asset beim Fondsanbieter NN Investment Partners.


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Doch wie geht es nun weiter? "Formal hat die britische Regierung nun drei Tage Zeit, um sich einen alternativen Deal einfallen zu lassen", berichtet Jansen. Wie eine solche Lösung aussehen könnte, ist allerdings völlig offen. "Sowohl Brexit-Hardliner als auch EU-Anhänger haben gegen den Deal gestimmt", erinnert der Anlagestratege. "Deshalb kann man sich nur schwer vorstellen, wie die Regierung mit einer Alternative aufwarten soll, die sich deutlich vom aktuellen Deal unterscheidet und ernsthafte Erfolgsaussichten im Parlament hat."

May muss sich nun zunächst einem Misstrauensvotum stellen, das noch an diesem Mittwoch stattfinden soll. "Wir gehen davon aus, dass May das Misstrauensvotum überstehen wird", meint Jansen. Andernfalls müsste die Regierung zurücktreten. Damit wären Parlamentswahlen so gut wie sicher – und eine Verzögerung des Brexit wahrscheinlich.

Neues Referendum möglich
"Auch wenn May das Misstrauensvotum übersteht, ist es möglich, dass die Regierung und das Parlament mit keiner erfolgreichen Alternative aufwarten können und Mays Deal Gegenstand eines Referendums wird, so dass die Bevölkerung über das Abkommen entscheiden kann – oder über den Brexit insgesamt, je nachdem, wie die Referendumsfrage formuliert wird", so Jansen. Bei der Wahl zwischen "Mays Deal" und "No Deal" hätte die in den vergangenen 18 Monaten ausgehandelte Vereinbarung mit der EU wohl gute Aussichten auf Erfolg. Stünde der Brexit als Ganzes allerdings erneut zur Debatte, wäre der Ausgang weniger sicher.

Außerdem besteht die Möglichkeit, dass sich Regierung und Parlament nicht über die weiteren Schritte einigen können. "Das ist vermutlich das größte Risiko", warnt Jansen. "Die Zeit wird verstreichen und letztlich wird die Frist im März eintreffen. Wenn der aktuelle Deal im Parlament scheitert und nichts dafür getan wird, um einen harten Brexit zu verhindern, wird Großbritannien ohne Abkommen aus der EU austreten, was zu heftigen Turbulenzen und einer großen Verunsicherung führen würde."

Jansens Hoffnung ist, dass Regierung und Parlament mit der EU eine Fristverlängerung vereinbaren. "Wenn dies nicht gelingt, hätte die britische Regierung immer noch die Möglichkeit, die Auslösung von Artikel des 50 EU-Vertrags, der den Austritt eines Mitgliedsstaats aus der Europäischen Union regelt, zu widerrufen", sagt er. "Wir sind der Meinung, dass diese Option mit der verheerenden Abstimmungsniederlage der britischen Regierung gestern wahrscheinlicher geworden ist." (bm)