Wer oft tanken und den Heizölkessel auffüllen muss, hat in den kommenden Monaten Glück. Wer sein Budget hauptsächlich für Lebensmittel oder für Gesundheitsbedarf ausgibt, muss möglicherweise tiefer in die Tasche greifen. Denn: Die Inflation entwickelt sich als Konsequenz der Corona-Krise je nach Lebensbereich sehr unterschiedlich. Vor allem langfristig könnte es größere Verschiebungen geben, wie aktuelle Analysen zeigen.

Die Experten der Österreichischen Nationalbank (OeNB) erwarten in ihrer aktuellen Prognose, dass die Inflation im Jahr 2020 sehr deutlich auf 0,8 Prozent sinkt (Basis: harmonisierter Verbraucherpreisindex, HVPI). Hauptgrund ist der außergewöhnlich starke Ölpreisverfall im Frühjahr. Ein vorhandenes Überangebot wird durch den Nachfrageausfall infolge der COVID-19-Pandemie noch verstärkt.  Erst wenn diese dämpfenden Effekte im nächsten Jahr auslaufen, wird die Inflation langsam wieder steigen, heißt es in der neuesten OeNB-Prognose.

Weit vom EZB-Ziel entfernt
Zum Vergleich: In den Jahren 2018 und 2019 hatten die Verbraucherpreise in Österreich noch um 2,1 beziehungsweise 1,5 Prozent zugelegt. Die Notenbanken in Europa erachten ein Ziel von zwei Prozent als angemessen. Sie wollen auf jeden Fall das Problem eines rückläufigen Preisniveaus, einer Deflation, verhindern. Diese gilt als sehr viel schwerer zu bekämpfen, als eine Inflation. Diese Deflations-Tendenzen gibt es momentan angesichts der Covid-Krise eindeutig: Auch im Jahr 2021 soll die Teuerung laut OeNB nur bei 0,9 Prozent liegen, und damit weit entfernt vom EZB-Ziel. 2022 wird dann ein etwas höherer Zuwachs von 1,5 Prozent erwartet.

Allerdings nimmt andererseits die Befürchtung zu, dass der Corona-Lockdown die Inflation in manchen Bereichen auch in die gegenläufige Richtung treiben könnte. Denn während der größte Teil der Wirtschaft (64 Prozent des österreichischen HVPI-Warenkorbs) aufgrund der Corona-Maßnahmen unter einem Nachfrageschock leidet (Tourismus, Freizeit, Gastronomie, Teile des Handels, Verkehr, Bildungswesen, Dienstleister wie Friseure) und damit seine Preise nicht erhöhen kann, verhält es sich bei einem nicht unwesentlichen Bereich genau umgekehrt: Bei Nahrungsmitteln, Wohnung, Wasser und Energie, Post und Telekommunikation oder Gesundheitswesen (zusammen 36 Prozent des HVPI-Warenkorbs) gab es einen Boom. Die Leistungen dieser Sparten werden möglicherweise auch in Zukunft über die Kapazitätsgrenzen hinaus nachgefragt. "Preise für pharmazeutische Erzeugnisse, Medikamente oder Preise mancher Nahrungsmittel könnten als Konsequenz der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus steigen", folgern die OeNB-Experten.

Inflation durch Veränderung der Wirtschaftsausrichtung
Den selben Warnhinweis vor zu wenig beachteten Inflationstreibern findet man auch im soeben veröffentlichten Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Das Institut, dessen Analysen als meist treffsicher gelten, hatte unter anderem deutlich vor der Finanzkrise 2008 gewarnt. Nun machen die Experten darauf aufmerksam, dass die Folgen der Pandemie genau jene Einflüsse reduzieren könnten, die in den vergangenen Jahrzehnten stets die Inflation tief gehalten hatten: So könnte etwa das sich abzeichnende Rückfahren der Globalisierung die Verhandlungsmacht der Arbeitskräfte und die Preismacht der Unternehmen wieder stärken. Auch die Umstrukturierung der Lieferketten, etwa eine Verlagerung der Medizinproduktion oder anderer strategisch wichtiger Bereiche von Billiglohnländern nach Europa, würde die Preise durch Kostensteigerungen und Produktivitätssenkungen erhöhen.

Wenn die Pandemie länger nicht beherrschbar ist, dürfte die Wirtschaftslandschaft sich in eine Richtung ähnlich der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln, so die BIZ-Forscher. Hauptmerkmale sind eine sehr hohe Verschuldung des öffentlichen Sektors und ein ebenso hoher Einfluss des öffentlichen Sektors auf die Wirtschaft. Dazu kommen noch politische Verlockungen. Regierungen könnten angesichts steigender Staatsschulden versucht sein, von den Notenbanken zu fordern, die Inflation ans Werk zu lassen, um den realen Wert der Schulden abzuschmelzen.

Bisher keine Übertreibung bei Lebensmitteln
Kurzfristig ist freilich von einer hohen Inflation wenig zu spüren. Selbst in der Krise gab es die medial berichteten Preisrallyes bei Lebensmitteln in Österreich nicht, wie die OeNB-Forscher sagen. Eine Untersuchung der Preise in fünf großen österreichischen Handelsketten zeigte, dass Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke in den Monaten April und Mai 2020 im Durchschnitt sogar einen geringfügigen Preisrückgang von 0,3 Prozent beziehungsweise 0,4 Prozent aufwiesen, während die Preise von alkoholischen Getränken durchschnittlich um 0,5 Prozent gestiegen sind. (eml)

Service: BIZ- Annual Economic Report und Annual Report