Martin Kocher: Nächster Zinsschritt kann in beide Richtungen gehen
Notenbankchef Martin Kocher sieht derzeit keinen klaren Kurs bei den Zinsen: Der nächste Schritt könnte sowohl eine Senkung als auch eine Anhebung sein. Angesichts der unsicheren Lage setzt er auf Flexibilität – und warnt vor überzogener Geldpolitik.
Martin Kocher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), hält eine Zinssenkung oder eine Zinserhöhung gleichermaßen für möglich. Vorerst sei es aber sinnvoll, die aktuellen Leitzinsen beizubehalten, sagte das EZB-Ratsmitglied am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington.
"Der nächste Schritt könnte eine Senkung oder eine Erhöhung sein – ich habe keine Präferenz", erklärte Kocher und betonte: "Es bräuchte deutliche Änderungen im wirtschaftlichen Ausblick, um unsere Haltung zu ändern."
Flexibilität statt vorschneller Schritte
Kocher sprach von einer Phase großer Unsicherheit. "Es ist wichtig, flexibel zu bleiben und bei Bedarf handlungsfähig zu sein", sagte er. Aktuell seien die Zinsen jedoch angemessen, so Kocher: "Angesichts der bisherigen Daten ist unser Zinsniveau richtig gewählt."
Nach acht Zinssenkungen innerhalb eines Jahres zeigen die meisten EZB-Vertreter derzeit wenig Neigung zu weiteren Lockerungen. Einige halten jedoch zusätzliche Schritte nach unten für möglich – insbesondere, falls Wachstum und Inflation schwächer ausfallen sollten als erwartet.
Uneinigkeit im EZB-Rat
Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau sagte jüngst, der nächste Schritt der EZB werde wahrscheinlicher eine Senkung als eine Erhöhung sein. EZB-Chefökonom Philip Lane erklärte, derzeit gebe es keinen Handlungsbedarf – die Optionen lägen zwischen "Stillhalten oder Senken".
Andere wie Spaniens Jose Luis Escriva und Lettlands Martins Kazaks sehen dagegen keine klare Tendenz und schließen auch Zinserhöhungen nicht aus.
Kocher warnt vor Zickzack-Kurs
Kocher, der seit September die OeNB leitet, plädiert für Kontinuität: "Eine Politik der ruhigen Hand ist im aktuellen Umfeld sinnvoll", sagte er. "Wenn wir jetzt die Zinsen senken würden, um sie sechs oder neun Monate später wieder zu erhöhen, wäre das keine gute Strategie."
Zudem warnte er davor, Geldpolitik zu übersteuern: "Wir sollten nicht versuchen, zu viel zu justieren."
Risiken und Chancen im Gleichgewicht
Kocher sieht die Wachstumsaussichten insgesamt ausgewogen. Zwar belasteten geopolitische Spannungen die Konjunktur, doch gebe es auch positive Impulse. "Das deutsche Fiskalpaket wird im kommenden Jahr helfen, aber wohl noch stärker 2027 und 2028", sagte Kocher. "Und die Menschen verfügen weiterhin über erhebliche Ersparnisse."
Auch bei der Inflation sieht Kocher keine einseitigen Risiken. "Wir sollten nicht überreagieren, wenn die Inflation leicht über oder unter zwei Prozent liegt", sagte er. Laut den jüngsten EZB-Prognosen dürfte die Teuerungsrate 2026 auf 1,7 Prozent fallen und 2027 bei 1,9 Prozent liegen – nahe dem Preisstabilitätsziel. (mb/Bloomberg)















