Die Europäische Zentralbank sollte laut Ratsmitglied Martin Kocher keine reflexartigen geldpolitischen Maßnahmen wegen des Konflikts im Nahen Osten ergreifen.

"Es ist sinnvoll, klar zu kommunizieren, dass wir eine Inflationsentwicklung, die nicht mit unserem Mandat im Einklang steht, nicht akzeptieren", sagte er am Freitag (17.4.) in einem Interview. "Aber es ergibt auch keinen Sinn, etwas vorwegzunehmen, das später möglicherweise gar nicht eintritt."

Signale der Entspannung – aber große Unsicherheit
Der österreichische Notenbankchef äußerte sich am Rande der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in Washington. Seine Aussagen fielen zeitgleich mit der Ankündigung Irans, die Straße von Hormus während einer zehntägigen Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon offen zu halten. Dies hatte zeitweise die Aussicht auf eine Einigung zur Beendigung des Konflikts in der Region erhöht.

"Die Unsicherheit bleibt hoch – es ist gut, positive Signale zu sehen, aber wir wissen nicht, ob sie anhalten werden", sagte Kocher. "Wir müssen uns bis zur Sitzung und auch beim Eintritt in die Sitzung alle Optionen offenhalten."

Die nächste Zinsentscheidung der EZB steht in zwei Wochen an. Währungshüter tendieren jedoch dazu, bei der Sitzung am 29. und 30. April zunächst abzuwarten, bis mehr Klarheit besteht.

Energie und Infrastruktur als Belastungsfaktoren
"Selbst wenn die Straße wirklich vollständig geöffnet ist, wird es noch einige Zeit dauern, bis wir wieder zu einer normaleren Situation zurückkehren", sagte Kocher. "Es wird weiterhin Reibungen geben, einige Energieproduktions- und Transportanlagen sind zerstört worden."

Der Zentralbanker, der gemeinhin zu den eher restriktiven Mitgliedern des EZB-Rats gezählt wird, betonte zudem: "Wir sehen derzeit vielleicht einige Verbesserungen, aber der Schaden für die Wirtschaft ist bereits eingetreten – das macht unser Basisszenario zum Best-Case-Szenario."

Zweitrundeneffekte bislang begrenzt
"Wir haben einige Zweitrundeneffekte gesehen, was natürlich ist, zum Beispiel bei Flugpreisen", sagte er. "Diese sind jedoch stark energieabhängig. Entscheidend ist, was außerhalb des Energiesektors passiert. Es gibt anekdotische Hinweise auf solche Zweitrundeneffekte, aber sie sind noch nicht breit verbreitet."

Zudem betonte Kocher, dass die mittelfristigen Inflationserwartungen "nach wie vor recht gut verankert" seien. (mb/Bloomberg)