Ökonomen rechnen damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen nur noch einmal – in der kommenden Woche – anhebt und damit einen deutlich lockereren Kurs fahren wird, als die Märkte derzeit einpreisen.

Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer einer "Bloomberg"-Umfrage erwartet, dass der Einlagensatz am Donnerstag (10.9.) um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent angehoben wird und über das Jahr 2027 hinweg wohl dort bleiben wird. Händler preisen dagegen bis Mitte des kommenden Jahres etwa drei weitere Zinserhöhungen ein.

Energiepreise treiben die Risiken
Die Diskrepanz verdeutlicht die Herausforderung für die EZB, ihre Geldpolitik anzupassen, während Kämpfe im Nahen Osten die Energiemärkte weiter erschüttern. Die Ölpreise bewegen sich zurück in Richtung 100 US-Dollar je Barrel, während Erdgas auf Niveaus steigt, die zuletzt 2023 erreicht wurden. Obwohl die erhöhte Inflation keine Anzeichen einer Verfestigung zeigt, bestehen zahlreiche Risiken.

"Die EZB dürfte eine Anhebung um 25 Basispunkte als notwendigen Schritt darstellen", sagte Ken Egan, Direktor bei Kroll Bond Rating Agency Europe. "Sie wird aber wahrscheinlich davon absehen, die Märkte auf eine weitere Anhebung vorzubereiten, und den Fokus auf die Datenabhängigkeit, verankerte Inflationserwartungen, ein weiterhin begrenztes Lohnwachstum und die Notwendigkeit legen, zu beurteilen, wie stark die bisherigen Straffungen durchschlagen."

Zweitrundeneffekte im Blick
Fast keiner der Umfrageteilnehmer sieht Hinweise darauf, dass sich Unternehmen und Verbraucher auf einen stärkeren künftigen Preisdruck einstellen. Die Mehrheit ist zudem nur leicht besorgt über Folgewirkungen in anderen Bereichen wie etwa den Löhnen.

Die Währungshüter sind sich weitgehend einig, dass die Inflation auf einem Drei-Jahres-Hoch bislang weder die mittel- bis längerfristigen Erwartungen verschoben noch die Löhne der Arbeitnehmer beeinflusst hat. Das könnte sich jedoch noch ändern.

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel erklärte gegenüber "Bloomberg", es sei "entscheidend", Zweitrundeneffekte frühzeitig zu verhindern, bevor sie eine entschlossenere Reaktion erfordern. In den kommenden Monaten werde "viel klarer" werden, ob solche Effekte eingetreten sind, sagte das österreichische EZB-Ratsmitglied Martin Kocher in einem separaten Interview.

Eine Zinserhöhung "wird nicht ausreichen"
Einige ihrer Kollegen denken bereits weiter. Litauens Gediminas Simkus sagte, eine Zinserhöhung in der kommenden Woche "wird nicht ausreichen". Bulgariens Dimitar Radev bezeichnete sowohl September als auch Dezember als "offene" Sitzungen, bei denen die Kreditkosten angehoben werden könnten.

Die EZB "wird in den kommenden Monaten wahrscheinlich keine weiteren Zinserhöhungen signalisieren", sagte Ulrike Kastens, leitende Ökonomin bei der DWS. "Wir glauben jedoch, dass die Risiken für den nächsten geldpolitischen Schritt weiterhin nach oben gerichtet sind, wobei eine Zinserhöhung wahrscheinlicher erscheint als eine Zinssenkung."

Einlagensatz über neutralem Niveau
Eine weitere Anhebung würde den Einlagensatz auf ein Niveau bringen, das die Wirtschaftsaktivität mit größerer Wahrscheinlichkeit dämpft. Selbst bei 2,5 Prozent, wo er den Erwartungen zufolge mindestens bis 2027 bleiben wird, läge er laut mehr als drei Vierteln der Umfrageteilnehmer etwas über dem neutralen Niveau.

Die Wirtschaft hat sich bislang als stark genug erwiesen, um die strafferen geldpolitischen Bedingungen zu verkraften. Die Wirtschaftsleistung ist im zweiten Quartal stärker als erwartet gestiegen, und Unternehmensumfragen deuten auf eine solide Dynamik in der kommenden Zeit hin.

Ökonomen erwarten eine Aufwärtsrevision der EZB-Wachstumsprognose für 2026. Der mittelfristige Wachstumsausblick dürfte ebenso bestätigt werden wie der Inflationsausblick.

Straße von Hormus als Schlüsselfaktor
Ob es dazu kommt, hängt davon ab, wie sich die Lage im Nahen Osten entwickelt. Die USA und der Iran kämpfen erneut um die Kontrolle über die Straße von Hormus. Damit droht eine Verlängerung des Krieges, der bereits ein halbes Jahr andauert.

Die Wasserstraße "ist zum entscheidenden Faktor für die künftigen Entscheidungen der EZB geworden, weil eine länger anhaltende Unterbrechung einen Energiepreisschock in ein breiteres Inflationsproblem verwandeln würde", ist Dennis Shen, Dozent an der International School of Management der TU Berlin, überzeugt. "Die EZB kann über einen vorübergehenden Energieschock hinwegsehen; sie kann es sich nicht leisten, über einen anhaltenden hinwegzusehen." (mb/Bloomberg)