Grundsätzlich gilt: Wer krank ist, sollte nicht arbeiten. Doch im Homeoffice scheinen die Grenzen zu verschwimmen: Arbeitnehmer, die viel von zu Hause arbeiten, tun das offenbar auch häufig, obwohl sie eigentlich krank sind. Das hat eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ergeben, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Wissenschaftler nennen das Phänomen trotz Krankheit zu arbeiten, Präsentismus. Die Studienautoren erklären seine Zunahme im Homeoffice damit, dass zum Beispiel der lange Anfahrtsweg ins Büro wegfällt, Arbeitnehmer es sich zu Hause eher mit einer Tasse Tee gemütlich machen und dort auch keine Kollegen anstecken können.

Seit der Pandemie hat der Präsentismus im herkömmlichen Büro zumindest deutlich abgenommen. Noch vor der Corona-Pandemie gingen knapp zwei Drittel der Arbeitnehmer mindestens einmal pro Jahr trotz akuter gesundheitlicher Probleme ins Büro, berichtet die SZ. Das sind heute deutlich weniger, wie eine andere Studie der Universität Leipzig belegt. Demnach sind die sogenannten Präsentismus-Tage zwischen Juni und Dezember 2020 signifikant zurückgegangen, obwohl gerade im Winter mehr Menschen krank sind. Ein möglicher Grund "könnte ein zumindest vorübergehender Normenwandel sein", sagt Co-Studienautorin Carolin Dietz der SZ. Gerade in Pandemiezeiten hüten sich Arbeitnehmer eher davor, andere im Büro anzustecken. 

Krank arbeiten ist teuer 
Die Sache könne allerdings einen Haken haben: Experten glauben nicht, dass künftig weniger Arbeitnehmer unter Präsentismus leiden – stattdessen dürfte sich das Problem vom Büro ins Homeoffice verlagern und dort sogar verschärfen. Zwar wird es einigen Lohnempfängern nichts ausmachen, kränkelnd ein paar Stunden auch von zu Hause zu arbeiten. Allerdings sind sie im Homeoffice für den Arbeits- und Gesundheitsschutz unsichtbar. Führungskräfte haben keine Möglichkeit mehr, kranke Arbeitnehmer nach Hause zu schicken. "Die Verantwortung verlagert sich also komplett auf die Beschäftigten", sagt Co-Studienautorin Sophie Meyer der SZ. 

Nicht nur der Gesundheit der Angestellten kann Präsentismus teuer zu stehen kommen, sondern auch den Arbeitgebern. Menschen, die krank arbeiten sind zum einen weniger produktiv und zum anderen unterlaufen ihnen häufiger Fehler im Job – und die können wirtschaftliche Konsequenzen haben. Die Kosten, die durch Präsentismus entstehen, sind für Arbeitnehmer mindestens genauso hoch wie die Kosten durch krankheitsbedingte Fehlzeiten, hat die BAuA berechnet. (fp)