Nach langer Zeit der Pandemie und Erschöpfung haben Impfkampagnen, angehäufte Ersparnisse und die weiterhin extrem lockere Geldpolitik eine Hausse am Aktienmarkt ausgelöst. Die Kurse sind seit November 2020 innerhalb weniger Monate mehr als 40 Prozent in die Höhe geschossen. Momentan deutet sich allerdings eine Wende an: Seit Mitte Juni hat der Euro Stoxx 50 knapp vier Prozent eingebüßt. "Bedeutet das schon das Ende der Party?", fragt Olivier de Berranger, Investment-Chef der französischen Fondsgesellschaft La Financière de l'Échiquier (LFDE). Die bedrückende Antwort: vermutlich ja.

"Seit einigen Wochen gibt es Missklänge in der Partitur", sagt der Stratege und weist auf drei besorgniserregende Faktoren hin. Der erste Missklang: die US-Notenbank Fed. Diese hat ein baldiges Ende der Liquiditätsflut angedeutet. Ganz so billiges Geld wie bisher könnte es schon bald nicht mehr geben. Das drückt auf das Gemüt vieler Marktteilnehmer. Zweitens scheint es so, als ob die zunächst kräftige Erholung der Wirtschaft, teilweise getrieben durch Basiseffekte, von einem gemäßigteren Wachstumszyklus abgelöst wird. Als dritten Missklang nennt de Berranger die Delta-Variante. Am Beispiel Großbritanniens werde deutlich, dass Impfungen nicht hundertprozentig vor einer vierten Welle schützen. "In einer globalisierten Wirtschaft mit Produktionsketten, die sich über mehrere Länder erstrecken, kann ein erneuter, schwerer Ausbruch der Pandemie die Erholung lähmen", warnt der Anlageprofi.

Nach der Party ist vor dem Kater
Die großen Börsenindizes zeigen mittlerweile ein gemischtes Bild. Wurden im ersten Quartal noch verstärkt zyklische Value-Titel nachgefragt, erleben Anleger jetzt eine Rückkehr zu konjunkturunabhängigen Growth-Werten. Investoren werden also misstrauischer, was die langfristige Wertentwicklung von Substanzwerten anbelangt. "Man kann zwar noch nicht von einem Kater sprechen, aber der leichte Rausch der Anleger lässt allmählich nach", schlussfolgert de Berranger. (fp)