Spekulative Leerverkäufe können im großen Stil nicht nur einzelne Aktientitel unter Druck setzen, sondern auch gesamte Märkte ins Wanken bringen. Das wurde zuletzt nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor einem Jahr deutlich. Damals wurden europaweit die Meldeschwellen für Leerverkäufe herabgesetzt, um es den Aufsichtsbehörden zu ermöglichen, Probleme frühzeitig zu erkennen.  

Die wissenschaftliche Arbeit eines internationalen Forscherteams fügt nun einen interessanten Aspekt zum Thema Leerverkäufe hinzu. Die Untersuchung zeigt, dass Leerverkäufer in vielen Fällen nicht mit denselben Informationen – und damit nicht mit demselben Risiko – wie der Markt agieren. Leerverkäufer wissen deutlich mehr als Analysten, lautet das Ergebnis der Forscher, die von der Salzburger Fondsgesellschaft IQAM mit einem Preis für herausragende wissenschaftliche Arbeiten geehrt wurden.

Leerverkäufer haben Informationsvorsprung
Die Preisträger haben für ihre Arbeit Auftragsdaten zu Leerverkäufen der New Yorker Aktienbörse (Nyse) analysiert und dabei festgestellt, dass in vielen Fällen einen Informationsvorsprung besteht. Dieser beruht laut einer Aussendung von IQAM auf Informationen aus den Medien, aber auch aus privaten Quellen.

Die Wissenschaftler fanden demnach heraus, dass eine größere Anzahl an Leerverkäufen in der Woche vor negativen Gewinnüberraschungen, vor Downgrades und Abwärtskorrekturen von Gewinnprognosen der Analysten auftritt. Diese fundamentalen Ereignistage machten zwar nur zwölf Prozent der Stichprobentage aus, waren aber für über 24 Prozent der gesamten Underperformance stark leerverkaufter Aktien verantwortlich.

Leerverkauf
Beim Leerverkauf (short sale, Blancoverkauf) veräußern Trader Wertpapiere, die sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht besitzen. Sie hoffen, dass es zu einem Kursverfall kommt und sie die Papiere, die sie später liefern müssen, dann günstiger kaufen können – die Differenz ist der Gewinn dieser Trader. Leerverkäufer müssen sich entweder gleich beim Verkauf die entsprechenden Aktien bei einem Broker leihen oder diese erst später am Markt erwerben (ungedeckter Leerverkauf), um liefern zu können.

Im Zuge der Finanzkrise 2008 haben etliche Staaten weltweit Leerverkäufe eingeschränkt oder verboten, aus Sorge, dass dadurch die Abwärtsspirale der Aktienkurse verstärkt wird. Leerverkäufe werden oft von der Kritik begleitet, dass im Hintergrund versucht wird, die Märkte zu beeinflussen, oder Kurse der entsprechenden Wertpapiere zu drücken, um den Gewinn zu steigern.

Der Preis
In der Preis-Jury saßen laut den Angaben 38 Wissenschaftler aus Europa, den USA und Asien. Sie wählten aus Arbeiten aus, die in der Zeitschrift der European Finance Association (EFA) "Review of Finance" veröffentlicht wurden. Der Originaltext der ausgezeichneten Arbeit lautet "What Do Short Sellers Know?" (Autoren: Ekkehart Boehmer, Singapore Management University, Charles M. Jones, Columbia Business School, Juan (Julie) Wu, University of Nebraska-Lincoln und Xiaoyan Zhang, Tsinghua University in Peking). Der "IQAM Prize" für herausragende wissenschaftliche Arbeiten wurde heuer zum elften Mal vergeben. Die Verleihung fand – Pandemie-bedingt digital – im Rahmen der 48. Jahrestagung der EFA an der Bocconi Universität (Mailand) statt. (eml)