EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat erklärt, dass sich die Wirtschaft der Eurozone von dem Basisszenario der Europäischen Zentralbank zum Iran-Krieg entfernt hat. Dennoch reiche dies derzeit nicht aus, um eine Tendenz zu Zinserhöhungen zu rechtfertigen.

"Wir befinden uns zwischen dem Basis- und dem Negativszenario", sagte Lagarde am Dienstag (14.4.) gegenüber "Bloomberg TV" in Washington, wo sie an der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds teilnimmt. Auf die Frage, ob die EZB zu einer Straffung der Geldpolitik neige, antwortete Lagarde, dass dies nicht der Fall sei: "Wir haben einen Kompass, der auf Preisstabilität ausgerichtet ist, die auf Finanzstabilität beruht."

Krieg treibt Inflation und Unsicherheit
Die EZB prüft derzeit notwendige Maßnahmen infolge der seit sechseinhalb Wochen andauernden Kämpfe im Nahen Osten. Der Konflikt hat die Energiekosten drastisch steigen lassen und die wirtschaftliche Stimmung beeinträchtigt. Die Inflation in Europa ist bereits deutlich über das Ziel von zwei Prozent gesprungen. Die zentrale Frage bleibt, wie dauerhaft dieser Anstieg sein wird.

An den Märkten wird davon ausgegangen, dass Zinserhöhungen nur eine Frage der Zeit sind – eingepreist werden mehr als zwei Schritte um jeweils einen Viertelpunkt in diesem Jahr. Da der Ausgang der Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran jedoch ungewiss ist, rechnen Marktteilnehmer für die nächste Sitzung am 29. und 30. April noch nicht mit einer Anhebung.

Düstere IWF-Prognose
Neue IWF-Prognosen von Dienstag (14.4.) deuten auf eine weltweit höhere Inflation bei gleichzeitig schwächerem Wachstum hin. Für die 21 Länder der Eurozone wird in diesem Jahr ein Anstieg der Verbraucherpreise um 2,6 Prozent erwartet, was der Prognose der EZB entspricht. Einige Vertreter der Frankfurter Zentralbank halten dieses Basisszenario jedoch für weniger wahrscheinlich, da der Konflikt anhält und sich die Sperrung der Straße von Hormus verschärft.

Dies würde das Negativszenario näher rücken lassen, das von einer Inflationsspitze von 4,2 Prozent ausgeht. Sollte sich die Lage weiter verschlechtern, beinhaltet ein Worst-Case-Szenario eine kurze Rezession und Preissteigerungen von über sechs Prozent.

"Wir brauchen die Daten"
"Wir haben sehr deutlich gesagt, dass wir Daten benötigen, um zu handeln, aber dass wir nicht zögern würden, zu handeln", sagte Lagarde. "Das beschreibt unsere Position sehr gut. Wir brauchen die Daten, um zu analysieren, ob es ein vorübergehendes Phänomen ist, ob es kurzlebig sein wird und wir sozusagen zur Vergangenheit zurückkehren werden. Obwohl ich nicht glaube, dass das tatsächlich möglich ist." (mb/Bloomberg)