Lagarde widerspricht Bessent: "Wir stehen vor einem echten Schock"
Beim G7-Treffen prallen Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage aufeinander: Während US-Finanzminister Scott Bessent die Folgen des Iran-Kriegs relativiert, warnt EZB-Präsidentin Christine Lagarde vor langfristigen Schäden.
Christine Lagarde hat bei einem Treffen hochrangiger Vertreter der G7-Staaten die Einschätzung von US-Finanzminister Scott Bessent infrage gestellt, wonach die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs nur von kurzer Dauer sein werden, berichtet "Bloomberg" unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Bessent habe die Schäden durch die wochenlangen Kämpfe im Nahen Osten heruntergespielt und argumentiert, Störungen – darunter die faktische Schließung der Straße von Hormus – seien vorübergehend, so die Insider, die anonym bleiben wollten.
Wachsende Spannungen zwischen USA und Europa
Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) widersprach dieser Einschätzung und erklärte gegenüber Bessent sowie den an der G7-Videokonferenz am Montag (30.3.) teilnehmenden Zentralbankern, Finanz- und Energieministern, die Auswirkungen würden lange spürbar sein, da bereits erhebliche Zerstörungen erfolgt seien.
Sprecher des US-Finanzministeriums reagierten nicht auf Anfragen. Die EZB lehnte eine Stellungnahme ab.
Der Schlagabtausch verdeutlicht zunehmende Spannungen zwischen den USA und Europa. Europa ist deutlich stärker von steigenden Energiepreisen und Störungen im Schiffsverkehr betroffen, die durch einen Konflikt ausgelöst wurden, den es nicht selbst begonnen hat.
Inflation steigt deutlich
Die wirtschaftlichen Belastungen sind bereits sichtbar: Daten vom Dienstag (31.3.) zeigen, dass die Inflation im Euroraum im März so stark gestiegen ist wie zuletzt 2022, als Russland die Ukraine angriff. Gleichzeitig senken Regierungen im Währungsraum ihre Prognosen und hoffen, dass das erwartete Erholungsjahr nicht in eine Rezession mündet.
Bessent beschwichtigt – Lagarde warnt
Der US-Finanzminister hat zuletzt versucht, die Sorgen in der US-Bevölkerung zu dämpfen. Bessent argumentierte, der Ölmarkt sei gut versorgt, und die Meerenge zwischen Iran und den Golfstaaten dürfte sich mit der Zeit wieder öffnen.
Lagarde hingegen schlägt Alarm. Im schweren Szenario der EZB – das von anhaltenden Störungen der Energieversorgung bis Ende 2026 und weiteren erheblichen Infrastrukturschäden ausgeht – könnte die Inflation auf bis zu 6,3 Prozent steigen.
"Wir stehen vor einem echten Schock – wahrscheinlich größer, als wir uns derzeit vorstellen können", sagte Lagarde im Interview mit "The Economist". In Bezug auf die Ölförderung, Raffinierung und Verteilung "ist bereits zu viel Schaden entstanden – und es ist unmöglich, diesen innerhalb weniger Monate wieder gutzumachen".
Die Auseinandersetzung mit Bessent ist nicht der erste Konflikt mit einem US-Vertreter in diesem Jahr. Im Januar verließ Lagarde eine Rede von US-Handelsminister Howard Lutnick beim Weltwirtschaftsforum, da ihr dessen anti-europäische Rhetorik "zu viel" gewesen sei.
G7 beraten Gegenmaßnahmen
Das Treffen am Montag (30.3.) war Teil internationaler Bemühungen, die Lage zu stabilisieren. Einige Regierungen haben bereits beschlossen, strategische Ölreserven freizugeben.
Die G7-Staaten erklärten, sie seien bereit, "alle notwendigen Maßnahmen" zu ergreifen, um "Stabilität und Sicherheit der Energiemärkte" zu gewährleisten. Zudem betonten sie die Bedeutung "koordinierten internationalen Handelns", um Übertragungseffekte zu begrenzen und die makroökonomische Stabilität zu sichern. (mb/Bloomberg)















