Den 9. März 2020 werden Anleger so schnell nicht vergessen: Kurz vor dem ersten europaweiten Lockdown wegen der beängstigend schnell grassierenden Pandemie-Welle erlebten die Börsen rund um den Globus einen der größten Abstürze in ihrer Geschichte. Jetzt, da die nächste Infektionswelle in vollem Gange ist, einzelne Länder deshalb das öffentliche Leben massiv einschränken und zu allem Übel eine neue, in ihren Auswirkungen noch nicht annähernd einschätzbare Corona-Mutation mit der vorläufigen Bezeichnung "B.1.1.529" ihren Weg von Südafrika kommend um die Welt machen könnte, befürchtet der eine oder andere Renditesucher ein schmerzhaftes Déjà-vu.

Nicht zu Unrecht: Unmittelbar nach Bekanntwerden der neuen Virus-Variante gingen gestern (25.11.) zunächst die asiatischen Aktienmärkte in die Knie. Heute herrscht auch an den europäischen Handelsplätzen Ausverkaufsstimmung: Der Dax verlor vom Start weg mehr als drei Prozent. "Mitten in die grassierende vierte Infektionswelle in Deutschland platzt die Mutation in die wochenlange Sorglosigkeit an der Frankfurter Börse.", beschreibt Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege bei Robo Markets, die aktuelle Gemütslage. Mit Blick auf die zunächst als vergleichsweise harmlos eingeschätzte Delta-Welle von Anfang des Jahres würden die Anleger aktuell zuerst schießen und erst später Fragen stellen, bis mehr darüber bekannt ist, ergänzt Jeffrey Halley, Analyst beim Online-Devisenhändler Oanda.

Hat die Börsenrally somit ein abruptes Ende gefunden? "Nein", sagt Marcus Hüttinger, Marktstratege beim Vermögensverwalter Gané, denn "eine globale wirtschaftliche Vollbremsung, wie sie mit dem Ausbruch der Pandemie einherging, ist heute nicht mehr zu erwarten". Den Grund dafür sieht er in der hohen Impfquote, vor allem in Ländern wie Spanien und Portugal. Dort ist auch die Zahl der Genesenen besonders hoch. Entsprechend ist die Sieben-Tage-Inzidenz verglichen mit Deutschland und Österreich eher niedrig. Das europäische Wirtschaftswachstum dürfte allenfalls punktuell belastet, "aber nicht mehr flächendeckend ausgebremst werden", beruhigt Hüttinger. Außerdem beschleunige Corona die längst überfällige digitale Transformation, so der Experte. "Unternehmen sind IT-seitig gewappnet, sollte die Pandemie länger anhalten."

Geldpolitik viel entscheidender
Für die künftige Börsenentwicklung sieht der Vermögensprofi andere entscheidende Faktoren. Dazu zählt er den weiteren Verlauf der Inflationsentwicklung sowie die Geldpolitik der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) sowie der Europäischen Zentralbank (EZB). Allein das Zurückfahren der Anleihekäufe durch die Fed dürfte aus Hüttingers Sicht mehr Einfluss auf die Börsen haben als Lockdown-Maßnahmen in Europa. (fp/ps)