Die Risiken für die Finanzstabilität im Euroraum bleiben nach Einschätzung von EZB-Vizepräsident Luis de Guindos erhöht. Grund seien die unklare weltwirtschaftliche Lage und anhaltende Handelsunsicherheiten. "Angesichts der Unsicherheit über geoökonomische Entwicklungen und die endgültigen Auswirkungen von Zöllen in einem volatilen internationalen Umfeld bleiben die Anfälligkeiten hoch", sagte er am Montag (17.11.) in einer Rede in Frankfurt.

Zu den Risikofaktoren zählte er "hohe Bewertungen und Konzentrationen an den Finanzmärkten, Kreditrisiken gegenüber zollempfindlichen Unternehmen sowie Staatsrisiken in einigen großen Industrieländern".

Guindos fordert stärkere Widerstandskraft des Finanzsystems
Vor diesem Hintergrund sei es "entscheidend", die Widerstandsfähigkeit von Banken und des breiteren Finanzsystems zu stärken. Dazu seien eine engere Überwachung und ein robusteres makroprudenzielles Regelwerk für den Nichtbankensektor nötig.

In der kommenden Woche veröffentlicht die EZB ihren halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht, der die zunehmenden Risiken für Banken beleuchten soll – die wichtigste Finanzierungsquelle für Unternehmen in der Region. Die europäische Wirtschaft habe sich bislang überraschend robust behauptet, und die EZB sehe derzeit keinen Anlass für weitere Zinssenkungen, sagte Guindos. Das Wachstum falle etwas besser aus als erwartet, während sich die Inflation weiter dem mittelfristigen Zwei-Prozent-Ziel annähere.

Weltweit hatten zuletzt Notenbanken und Finanzaufseher vor Risiken gewarnt – von überdehnten Bewertungen bei Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz (KI) über Herausforderungen für die Unabhängigkeit der US-Notenbank Federal Reserve bis hin zum rasanten Wachstum von Stablecoins.

Bundesbank: Geopolitik und Verschuldung belasten Stabilität
Die Bundesbank warnte in diesem Monat, geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und steigende Staatsschulden in Europa belasteten die Stabilität des deutschen Finanzsystems. "Hohe Bewertungen" an den Finanzmärkten bereiteten ihm Sorgen, sagte Bundesbank-Vorstand Michael Theurer bei der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts. "Die Risikoprämien an den Aktienmärkten liegen unter ihren langjährigen Durchschnittswerten, vor allem in den USA", führte er aus. "Und die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen rangieren trotz des verschlechterten Umfelds sogar wieder in der Nähe historischer Tiefstände."

IWF und nationale Notenbanken sehen ähnliche Gefahren
Auch der Internationale Währungsfonds verwies jüngst auf Gefahren im Nichtbankensektor. Traditionelle Kreditgeber könnten demnach einen "signifikanten" Kapitalverlust erleiden, sollten in anderen Teilen des Systems – darunter Hedgefonds und alternative Vermögensverwalter – Belastungen auftreten.

"Die globale Unsicherheit hat ein seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenes Ausmaß erreicht und erstreckt sich über mehrere Bereiche", erklärte die niederländische Zentralbank. "Infolgedessen bleibt die Wahrscheinlichkeit von Schocks für die Wirtschaft und das Finanzsystem hoch. Die Frage ist nicht mehr, ob solche Schocks eintreten werden, sondern wann und wo."

Irlands Notenbankchef Gabriel Makhlouf sagte, die Unsicherheit bleibe hoch, zumal die Folgen neuer Handelsvereinbarungen noch nicht absehbar seien. "Es besteht weiterhin eine Diskrepanz zwischen der hohen wirtschaftlichen Unsicherheit und den überzogenen Marktbewertungen, da die Aktienindizes Rekordhöhen erreichen, während die Spreads für Unternehmensanleihen unter Druck stehen", sagte er. "Eine negative Entwicklung der Aussichten für US-Technologie- und KI-Unternehmen könnte zu einer Marktkorrektur führen." (mb/Bloomberg)