"Keine einmalige Maßnahme": Stimmen zur Zinserhöhung der EZB
Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen wegen der infolge des Iran-Kriegs anziehenden Inflation angehoben. Wie bewerten Experten die Entscheidung und die Ausführungen der Währungshüter? FONDS professionell ONLINE hat die wichtigsten Stimmen für Sie zusammengestellt.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag (11.6.) erstmals seit fast drei Jahren die Leitzinsen angehoben. Die Währungshüter kamen zum Schluss, dass sie angesichts zunehmender Inflationsrisiken nicht länger darauf warten können, dass sich die Auswirkungen des Iran-Kriegs abschwächen.
Der Einlagensatz steigt wie von Ökonomen und Investoren im Vorfeld erwartet worden war von 2,0 auf 2,25 Prozent. Die Märkte rechnen mit einer weiteren Anhebung um 0,25 Prozentpunkte im September. Die EZB bleibt jedoch vorsichtig und bekräftigt, dass sie sich nicht auf künftige Schritte festlegen wird.
Von Unsicherheit geprägt
“Die Aussichten sind nach wie vor von Unsicherheit geprägt, und es bestehen Aufwärtsrisiken für die Inflation sowie Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum", erklärte die Notenbank. "Die Gesamtfolgen des Krieges für Inflation und Wachstum in der mittleren Frist werden von der Intensität und der Dauer des Energiepreisschocks sowie vom Ausmaß seiner indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte abhängen."
Die Zinserhöhung ist die erste geldpolitische Reaktion einer großen Zentralbank auf den Anstieg der Ölpreise infolge des Konflikts im Nahen Osten. Da der Iran-Krieg in den vierten Monat geht, wächst unter den Verantwortlichen im Euroraum die Sorge, dass sich die Inflation über den Energiesektor hinaus ausweitet und nicht allein durch ein mögliches Friedensabkommen zwischen Washington und Teheran eingedämmt werden kann.
Einstimmig und ohne Vorbehalte beschlossen
Diese Befürchtungen spiegeln sich in den neuen vierteljährlichen Projektionen wider. Demnach dürften die Verbraucherpreise in diesem Jahr stärker steigen als bislang erwartet, bevor sie 2028 wieder auf das Ziel von zwei Prozent zurückgehen. Gleichzeitig verdeutlicht der Ausblick das Dilemma der EZB: Das Wirtschaftswachstum dürfte nachlassen, da Inflation und höhere Finanzierungskosten die Kaufkraft belasten.
"Der Krieg im Nahen Osten belastet die wirtschaftliche Aktivität, und Umfragen deuten auf eine Verlangsamung hin, insbesondere im Dienstleistungssektor", sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. "Der Anstieg der Energiepreise wird die Inflation im Sommer weiter erhöhen und sie bis in die erste Hälfte des Jahres 2027 deutlich über dem Zielwert halten." Auf die Frage, ob die EZB heute andere Optionen erörtert habe, antwortete Lagarde, die Zinserhöhung sei einstimmig und ohne Vorbehalte beschlossen worden.
Neue Projektionen für Inflation und Wachstum
Im Basisszenario der neuen Projektionen gehen die Fachleute des Eurosystems davon aus, dass die durchschnittliche Gesamtinflation 2026 bei 3,0 Prozent, 2027 bei 2,3 Prozent und 2028 bei 2,0 Prozent liegen wird. Beim Wirtschaftswachstum wird im Basisszenario 2026 mit durchschnittlich 0,8 Prozent gerechnet, für 2027 mit 1,2 Prozent und für 2028 mit 1,5 Prozent. "Dies entspricht für 2026 und 2027 einer Abwärtsrevision, in der sich die stärkeren Auswirkungen des Krieges auf die Rohstoffmärkte, die Realeinkommen und das Vertrauen widerspiegeln", führte die Zentralbank aus.
Die EZB geht nach wie vor davon aus, dass die Risiken für das Wachstum "abwärts" gerichtet sind. Das ist keine Überraschung angesichts des schwachen Jahresauftakts und der seitherigen Umfragen, die eine schwache Konjunktur und ein nachlassendes Vertrauen zeigen. Anhaltende Störungen könnten die Energiepreise weiter in die Höhe treiben, die Einkommen belasten und Investitionen bremsen, so Lagarde.
Ausgewählte Kommentare
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