Trotz der guten Stimmung an den Aktienmärkten, sollten Anleger sich nichts vormachen: Die konjunkturelle Entwicklung trübt sich ein und könnte damit die Kurse unter Druck bringen. Die Serie der Enttäuschungen in der deutschen Industrie reiße nicht ab, schreibt Bantleon-Chefvolkswirt Daniel Hartmann.

"Besonders hohe Wellen schlug die jüngste Nachricht, wonach der Auftragseingang der Industrie im Juni um vier Prozent gegenüber Mai eingebrochen ist", erklärt Hartmann. Experten hatten lediglich ein kleines Minus erwartet von 0,5 Prozent erwartet, Bantleon war von minus einem Prozent ausgegangen. Bei den Auftragseingängen seien starke Ausschläge in die eine oder andere Richtung zwar keine Seltenheit. "Dessen ungeachtet handelt es sich dieses Mal um das drittgrößte Minus seit der Rezession von 2008/2009", gibt Hartmann zu bedenken.

Fünftes Minus in sechs Monaten
Das Juni-Ergebnis fügt sich laut dem Bantleon-Chefvolkswirt nahtlos in die aktuelle Entwicklung ein. Schließlich ist es bereits das fünfte Minus in den vergangenen sechs Monaten. Lediglich im Mai (+2,6 Prozent) kam es zu einem kurzen Aufatmen. Der Trend zeige aber eindeutig nach unten.

Dies spiegelt sich auch in der 6-Monats-Veränderung wider, die mit minus 7,3 Prozent auf den triefsten Stand seit sieben Jahren gefallen ist. Die Jahresrate war das erste Mal seit Mitte 2016 wieder negativ  (-0,8 Prozent).

Abschwung in fast allen Sektoren
Hartmann zufolge erfasst der Abschwung nahezu alle Sektoren. Am stärksten betroffen sind die Hersteller von Kapitalgütern (Jahresrate: -1,6 Prozent). Aber auch die Produzenten von Vorleistungs- und Konsumgütern sehen sich einer sinkenden Nachfrage gegenüber.

In regionaler Hinsicht steche zunächst der Einbruch bei den Bestellungen aus der Nichteurozone hervor (unter anderem USA und China). Sie sackten im Juni um 5,9 Prozent ab. Es liege auf der Hand, dafür die jüngsten Handelsstreitigkeiten verantwortlich zu machen. Aber: "Betrachtet man die Entwicklung im gesamten ersten Halbjahr, ist die Abschwächung bei den Orders aus der Eurozone nicht viel geringer", sagt der Bantleon-Experte. "Mithin ist der Bestellrückgang auch regional breit gestreut", erklärt Hartmann.

Rücksetzer bekräftigt pessimistische Prognose
"Als Zwischenfazit kann somit festgehalten werden: Bei dem kräftigen Juni-Minus der Auftragseingänge dürfte es sich – wie so häufig – einerseits um ein Überschießen handeln", erklärt Hartmann. Andererseits stehe der rückläufige Trend im Einklang mit skeptischen Konjunkturausblick von Bantlöeon und spiegele die jüngste Entwicklung bei den Frühindikatoren wider.

Ein Blick auf die anderen Juni-Daten der deutschen Industrie zeigt: Auch hier überwiegen die Minuszeichen – die Einbrüche sind aber weniger ausgeprägt. Demnach ging der Umsatz des verarbeitenden Gewerbes "nur" um ein Prozent zurück, die Produktion sank um 0,9 Prozent, die Exporte blieben sogar konstant.

Kein großer Trost
Für Hartmann ist dies aber kein allzu großer Trost. Denn: Auch bei den  Produktions-, Umsatz- und Exportdaten geht der Trend nach unten. Zudem laufen die Auftragsdaten den anderen Reihen vorweg. Und nicht zuletzt zeigen die ersten Branchendaten, dass die Industrieproduktion im Juli erneut schwach ausfallen wird.

Auch der Hinweis auf Sonderfaktoren werde Hartmann zufolge immer unglaubwürdiger. Zu Jahresbeginn seien Streiks, ein hoher Krankenstand und die ungünstige Lage der Feiertage als Bremskräfte aufgezählt worden. Nun könnte unter anderem die heiße Witterunung genannt werden. "Letztendlich gibt es jedes Jahr irgendwelche Sonderfaktoren, die – wenn es passt – dankbar als Erklärung für Rückschläge angeführt werden", sagt Hartmann. Wenn es gut läuft, würden die Faktoren hingegen ignoriert. (aa)