Zentralbanken müssen wohl auch in Zukunft an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten – und das hätte enorme Konsequenzen für ihre Unabhängigkeit. Zu diesem Schluss kommt Karen Ward, Chefstrategin EMEA bei J.P. Morgan Asset Management. Die Regierungen vieler Industrieländer haben in den rund zehn Jahren nach der globalen Finanzkrise kaum etwas getan, um die Staatsverschuldung aus dieser Zeit aktiv abzubauen. Nun stelle sich die Frage, ob die hohe Schuldenlast den politischen Druck auf die Zentralbanken weiter verstärkt, so Ward.

Sie nennt wichtige Strategien, mit denen sich in den vergangenen Jahren erfolgreich Staatsschulden abbauen ließen, etwa mittels Kürzung von Sozialleistungen oder höherer Abgaben. Das Problem: Die Bevölkerung der Industriestaaten altert, gleichzeitig ist es schwierig, die Abgaben für die Jüngeren zu erhöhen. Denn deren Realeinkommen sinken, Populisten setzen die Regierungen unter Druck. "Wenn die hohe Schuldenlast die Staatshaushalte weiter belastet, werden die fiskalpolitischen Entscheidungsträger im nächsten Abschwung weniger Spielraum haben", sagt Ward. 

Niedrige Zinsen fördern Schuldenabbau 
Laut Ward sollten die Länder die größten Erfolgschancen beim Schuldenabbau haben, die die niedrigsten Zinsen im Vergleich zum Wachstum aufweisen, und bei denen sich eine Währungsabwertung günstig auswirkt. Somit bleiben Niedrigzinsen und geschwächte Währungen die wichtigsten Mittel gegen Staatsschulden. Die Last des Schuldenabbaus liegt also weiterhin weitgehend auf den Schultern der Zentralbanken. Sie könnten künftig zunehmend unter Druck der Regierungen geraten, die Zinsen niedrig zu halten.

Die Expertin warnt jedoch vor einer solchen Entwicklung: "Zentralbanken sollten sich durch Unabhängigkeit auszeichnen und auf ihre Kernaufgaben wie die Eindämmung der Inflation konzentrieren." Aufgrund des politischen Drucks könnte sich das in der Realität zukünftig aber als schwieriger erweisen. (fp)